Essstörungen: 8 häufige Fragen

Jungem Mädchen mit Essstörung ist übel
Wer Probleme im Essverhalten hat, muss nicht zwingend eine Essstörung entwickeln.
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Anzeichen, die auf eine Essstörung schließen lassen sind nicht immer klar als solche erkennbar. Was sind die ersten Warnsignale und wie sollte man darauf reagieren?

Medizinische Expertise
Lisa Tomaschek-Habrina

Dr Lisa Tomaschek-Habrina, MSc

Leitung des Instituts ibos mit Standorten in St. Pölten, Mödling, Wien

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Inhaltsverzeichnis

Essstörungen wie Magersucht, Essbrechsucht und Esssucht zählen zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen. Sie treten vor allem bei jungen Frauen auf. Zunehmend sind aber auch Männer betroffen. Die Grenze zwischen gesundem und krankhaftem Essverhalten ist oft fließend. Ein frühzeitiges Eingreifen wird dadurch erschwert. Dr. Lisa Tomaschek-Habrina vom Institut sowhat für Menschen mit Essstörungen gibt im Interview Auskunft zu den wichtigsten 8 Fragen zum Thema Essstörungen:

Kleinere Unregelmäßigkeiten im Essverhalten stellen nicht zwingend eine Essstörung dar. Sie können auch eine Anpassung an eine vorübergehende Stressreaktion sein. So ändert sich das Essverhalten bei vielen Menschen in Belastungssituationen. In diesem Fall spricht man nicht von einer klassischen Essstörung. Anders sieht es hingegen aus, wenn das Thema Essen zum Zwang wird. Ebenso wenn die Gedanken permanent darum kreisen und das eigene Verhalten nicht mehr kontrollierbar ist.

Oft fällt auf, dass sich die Betroffenen übermäßig mit dem Essen beschäftigen. Warnsignale sind häufiges Kalorien zählen und die Einteilung der Lebensmittel in "gut" und "schlecht". Die Betroffenen finden Ausreden, um nicht an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen zu müssen oder wollen andere auffallend oft bekochen, ohne selbst zu essen.


Wenn in kurzer Zeit große Nahrungsmengen aus dem Kühlschrank verschwinden, große Mengen an Süßigkeiten verzehrt oder Lebensmittel gehortet werden können das Hinweise auf eine Essbrech- oder Esssucht sein. Ebenso wenn die Toilette öfters besetzt und Verschmutzungen oder der Geruch nach Erbrochenem bemerkbar sind.

Für Betroffene ist es oft verletzend, wenn sie nur mehr auf ihr Essverhalten und das Gewicht reduziert wird. Es ist daher wichtig, das persönliche Gespräch zu suchen und zu beschreiben, was Sie wahrnehmen. Bleiben Sie dabei in der Ich-Form: "Ich habe den Eindruck, es geht dir nicht gut...". Dadurch fühlt sich der Betroffene nicht gleich in die Enge getrieben und kann leichter auf Ihre Beobachtungen reagieren. Wenn Sie dennoch auf Ablehnung oder Trotz stoßen, vertagen Sie das Gespräch besser auf einen anderen Zeitpunkt. Ermutigen Sie den Betroffenen immer wieder, Hilfe einzuholen und suchen Sie auch für sich selbst Unterstützung.

Hungern führt häufig zu Nährstoffmangelerscheinungen. Eine Unterversorgung mit Eisen, Vitamin B1-, B2-, B6- und Folsäure verändert wiederum das Blutbild. Außerdem zeigen sich häufig ein niedriger Blutdruck mit Neigung zu Ohnmachtsanfällen, eine erniedrigte Herzfrequenz sowie eine gesenkte Körpertemperatur und ein tiefer Blutzuckerspiegel. Weitere Folgeerscheinungen sind Hormonstörungen mit Schilddrüsenunterfunktion, Zyklusstörungen bis hin zum völligen Ausbleiben der Menstruation.

Erbrechen und Abführmittelmissbrauch bringen den Elektrolythaushalt durcheinander. Betroffen sind vor allem die Mineralstoffe Kalium, Chlorid und Magnesium. Ein chronischer Kaliummangel kann zu Nierenfunktionsstörungen und Herzrhythmusstörungen führen. Der Säuregehalt des Erbrochenen macht Bulimie-Patienten anfälliger für Zahnschäden und -probleme. 


Der erste Schritt zur Heilung ist die Anerkennung der Krankheit für sich selbst. Damit verbunden auch das Zugeben, dass man krank ist und dringend Hilfe benötigt. Meist gelingt es den Betroffenen nicht von alleine diese Erkenntnis zu gewinnen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass Angehörige oder nahestehende Freunde helfend zur Seite stehen, sich die nötigen Informationen beschaffen und sich beraten lassen.

Essstörungen betreffen oft sehr junge Menschen. Damit die Erkrankung nicht chronisch wird, ist es wichtig, so früh wie möglich therapeutische Begleitung aufzusuchen. Vom Zeitpunkt des Ausbruchs der Essstörung bis zur tatsächlichen Inanspruchnahme von professioneller Hilfe vergehen durchschnittlich 5 bis 6 Jahre. Wenn also bereits Jugendliche kurz nach Ausbruch der Erkrankung Hilfe bekämen, wäre die vollständige Ausprägung der Essstörung unterbrechbar.

Der Heilungsprozess beschränkt sich nicht nur auf die "Wiederaufnahme eines gesunden Essverhaltens". Es geht viel mehr darum komplexe Verhaltensmuster und Erfahrungen aufzuarbeiten und zu korrigieren. Wege aus der Essstörung lassen sich nur gemeinsam in intensiver Zusammenarbeit mit Ärzten, Psychotherapeuten, Psychologen und durch Einbindung der Eltern finden. Da die Auswirkungen auf der psychischen, körperlichen und sozialen Ebene vielfältig sind ist ein Ansatz, der mehrere Behandlungsstrategien beinhaltet notwendig.

Autor:in:
Medizinisches Review:
Erstellt am:

24. Juli 2016

Stand der medizinischen Information:

24. Juli 2016


Quellen:

Interview mit Dr. Lisa Habrina-Tomaschek

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