Neugeborenenschwerhörigkeit

Zuletzt aktualisiert am 3. Mai 2022

Schwerhöriges Baby greift Richtung Ohr
Setzt Schwerhörigkeit während der ersten 6 Monate nach der Geburt ein, fällt das meist durch eine fehlende Reaktion der Babys auf Geräusche in ihrer Umgebung auf.
© Roman Sorkin / Shutterstock.com

Schwerhörigkeit bei Neugeborenen kann erblich veranlagt sein, aber auch aufgrund von Infektionen vor oder nach der Geburt entstehen.

Medizinische Expertise
Andreas Temmel

Dr. Andreas Temmel

Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten – Wahlarzt

www.hno-ordination.at

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Inhaltsverzeichnis

Kinder mit einer angeborenen oder frühkindlich erworbenen Hörminderung haben Schwierigkeiten, sprechen zu lernen. Bei ihnen besteht auch die Gefahr, dass sich Sprachstörungen entwickeln. Daher ist es wichtig, Hörstörungen möglichst rasch zu erkennen und zu behandeln.

  • Eine Neugeborenenschwerhörigkeit tritt in etwa bei einem von 1.000 Kindern auf.
  • Für die Entstehung der Krankheit kommen pränatale, perinatale und postnatale Ursachen in Frage.
  • Die Schwerhörigkeit wird meistens schon unmittelbar nach der Geburt, bei standardmäßig durchgeführten Tests, festgestellt.
  • Um die Entwicklung von Sprachstörungen zu verhindern, behandelt man die Krankheit schnellstmöglich. Dazu stehen heute verschiedene Hörgeräte zur Verfügung.
  • Ein gesunder Lebensstil der Mutter während der Schwangerschaft reduziert das Risiko.

Von Neugeborenenschwerhörigkeit spricht man, wenn bei Babys eine Hörminderung besteht. Diese kann entweder angeboren sein oder sich nach der Geburt entwickeln. Um Hörminderungen möglichst frühzeitig zu erkennen, werden Neugeborene nach der Geburt standardmäßig einem Hörscreening unterzogen. Später fallen Säuglinge mit einer Hörminderung aufgrund fehlender Reaktionen auf Geräuschquellen wie Stimmen oder Rasseln auf.

Bei etwa einer von 1.000 Geburten tritt eine angeborene Schwerhörigkeit auf. Frühchen und Kinder mit Vorerkrankungen sind häufiger betroffen.

Eine Unterteilung der Ursachen der Schwerhörigkeit erfolgt anhand dreier Zeiträume. Die Schwerhörigkeit kann pränatal, also vor der Geburt, perinatal, das heißt während des Geburtsvorgangs, oder postnatal, innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt, entstehen.

Direkt nach der Geburt wird standardmäßig ein sogenanntes Neugeborenen-Hörscreening durchgeführt. Angeborene Schwerhörigkeit ist somit leicht festzustellen. Wenn die Schwerhörigkeit während der ersten sechs Monate nach der Geburt einsetzt (postnatal), fällt das meist durch eine fehlende Reaktion der Babys auf Geräusche in ihrer Umgebung auf. Da sich Säuglinge aber nicht äußern können, ist es nicht möglich, gewöhnliche Hörtests wie bei einem Erwachsenen durchzuführen. Folgende Diagnosemöglichkeiten stehen zur Verfügung – sie sind schmerzfrei und können sogar während des Schlafes oder beim Stillen durchgeführt werden:

  • Neugeborenen-Hörscreening: Die Untersuchung findet kurz nach der Geburt statt, sodass schwerhörige Kinder frühzeitig erkannt werden. Zuerst wird die Reaktion des Innenohrs auf Schallreize, sogenannte otoakustische Emissionen, überprüft. Dabei wird dem Kind über eine kleine Sonde ein Ton vorgespielt. Ein gesundes Ohr wirft automatisch Schallwellen zurück, die von einem empfindlichen Mikrofon gemessen werden können. Um Gewissheit zu bekommen, wird diese Untersuchung mit ein paar Tagen Abstand ein zweites Mal durchgeführt. Sollten die Ergebnisse auffällig sein, folgt eine Hirnstammaudiometrie.
  • Hirnstammaudiometrie: Hierbei wird dem Neugeborenen wiederum ein Ton vorgespielt. Über eine oberflächlich am Kopf angebrachte Elektrode wird gemessen, ob sich der Hirnstrom aufgrund des einkommenden Geräusches verändert.
  • Tympanometrie: Bei der Tympanometrie wird die Funktion des Mittelohrs überprüft. Dafür wird in den Gehörgang eine kleine Messsonde eingeführt. Der Gang ist damit luftdicht abgeschlossen. Über die Sonde werden die Druckverhältnisse im Ohr geändert. Somit wird das Trommelfell auf seine Elastizität und Funktionsfähigkeit überprüft.

Je nach Ursache und Schweregrad der Schwerhörigkeit kann der Arzt verschiedene Therapien anwenden. Bei schwerhörigen Neugeborenen gibt es folgende Behandlungsmöglichkeiten:

  • Konservatives Hörgerät: wird im Ohr getragen oder hinter dem Ohr festgeklemmt
  • Knochenhörgerät: leitet die Schallschwingungen über den Schädelknochen an das Innenohr
  • Implantiertes Hörgerät: das sogenannte Cochlea-Implantat wird bei hochgradig Schwerhörigen im Innenohr eingesetzt

Hörgeräte ermöglichen bei rechtzeitiger Behandlung meist eine normale Hör- und Sprachentwicklung.

Sollte der Grund der Schwerhörigkeit in einer Verengung des Gehörgangs liegen, kann dieser operativ geweitet werden (Gehörgangsplastik). Auch Fehlbildungen der Gehörknöchel im Mittelohr sowie das Trommelfell können künstlich wiederhergestellt werden (Tympanoplastik).

Mehr lesen » Therapie von Schwerhörigkeit

  • Beobachten Sie das Verhalten Ihres Kindes aufmerksam und sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt, falls Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind nicht gut hört.
  • Ist Ihr Kind schwerhörig, kann mit Hilfe von intensivem Training Defiziten bei der Sprachentwicklung entgegengewirkt werden. Mit Durchhaltevermögen und Disziplin können sich die Kinder ganz normal entwickeln und auf eine reguläre Schule gehen.
  • Impfungen gegen Mumps, Masern und Röteln können die Wahrscheinlichkeit, dass während der Schwangerschaft eine infektionsbedingte Schwerhörigkeit entsteht, mindern.
  • Während der Schwangerschaft sollten Mütter auf eine gesunde Ernährung achten, das Rauchen sowie den Konsum von Drogen oder Medikamenten vermeiden. Vor allem in der Frühphase einer Schwangerschaft können schädliche Substanzen eine negative Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes haben.
  • Ist ein Elternteil schwerhörig, erhöht sich auch die Gefahr für das Kind. Eltern können sich bei einer genetischen Beratung über die Risiken aufklären lassen.
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Redaktionelle Bearbeitung:
Medizinisches Review:
Zuletzt aktualisiert:

3. Mai 2022

Erstellt am:

2. Januar 2018

Stand der medizinischen Information:

3. Mai 2022


Quellen:

Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, T. Lenarz, H. Boenninghaus, Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 2012

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