Reizblase (Überaktive Blase)

Frau muss auf die Toilette und hält Klopapier in der Hand
Betroffene haben auch in der Nacht das Gefühl, häufiger auf die Toilette zu müssen.
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Personen mit einer Reizblase haben ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen, obwohl sich in der Harnblase kaum Flüssigkeit gesammelt hat. Selbst in der Nacht ist der Harndrang so groß, dass sie dadurch geweckt werden.

Medizinische Expertise

Karl Grubmüller

Prim. Dr. Karl Grubmüller

Facharzt für Urologie
Pointgasse 14, 3500 Krems an der Donau
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Inhaltsverzeichnis

Da die Nerven in den Harnwegen besonders empfindlich sind, signalisieren sie frühzeitig starken Harndrang. Einige Betroffene verlieren ungewollt Flüssigkeit (Dranginkontinenz). Um andere Erkrankungen (z.B. Blasen- und Harnwegsinfektionen, Blasensteine, Tumore oder Unterleibszysten) auszuschließen, führt die Urolog:in eine Urinuntersuchung sowie Ultraschall und Blasenspiegelung durch. Außerdem werden in einem sogenannten Miktionstagebuch Trink- und Urinmenge sowie die Häufigkeit des Harndrangs notiert. Die Therapie einer Reizblase kann entweder über konservative Therapien wie spezielle Trainings, mit Hilfe von Medikamenten oder operativ erfolgen.

Zusammenfassung

  • Betroffene einer Reizblase haben ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen, obwohl die Blase noch nicht gefüllt ist.
  • In Europa leiden etwa 15 – 20 % unter einer überaktiven Blase. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.
  • Man unterscheidet zwischen einer "nassen" überaktiven Blase und einer "trockenen" überaktiven Blase.
  • Eine Reizblase kann mittels konservativer Therapien, medikamentös oder operativ behandelt werden.

Reizblase im Überblick

Art Funktionsstörung der Blase
Ursachen Noch nicht eindeutig geklärt, kann infolge bestimmter Erkrankungen auftreten
Symptome häufiger plötzlicher Harndrang, geringe Urinmengen bei Ausscheidung, Gefühl eine Restmenge zurückzubehalten, unfreiwilliger Harnverlust (Dranginkontinenz)
Diagnose Anamnese, körperliche Untersuchung, Uroflowmetrie, Blasenspiegelung, urodynamische Messung der Harnröhre und Harnblase
Therapie Konservativ, medikamentös oder operativ

FAQ (Häufige Fragen)

Wie bekommt man eine Reizblase wieder weg?

Zur Behandlung einer Reizblase gibt es kein einheitliches Vorgehen, sondern dieses richtet sich nach dem jeweils vorliegenden Fall sowie den Wünschen und dem Leidensdruck der Patient:in. Die Therapieoptionen einer Reizblase lassen sich unterteilen in: konservative Therapien wie spezielle Trainings, medikamentöse Therapien und operative Therapien.

Was verursacht eine Reizblase?

Derzeit sind die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt. Es kann infolge bestimmter Erkrankungen zu einer Reizblase kommen (z.B. Diabetes, Fibromyalgie oder chronische Verstopfung) aber auch bei Schwangerschaft, Geburt oder in den Wechseljahren (Hormonveränderungen, Östrogenmangel).

Zu den Risikofaktoren, die die Entstehung einer Reizblase begünstigen können, zählen: 

  • Ein „Fehltraining“ der Blase durch zu häufige oder zu seltene Toilettengänge über Jahre
  • Altersbedingte Veränderungen der Harnwege
  • Stress, Nervosität oder psychische Belastungen
  • Übergewicht
Welche Medikamente helfen gegen eine Reizblase?

Die Ärzt:in verschreibt in der Regel sogenannte Anticholinergika, die bestimmte Rezeptoren blockieren und somit eine Weiterleitung der Nervenreize verhindern. In den letzten Jahren kommt aber immer häufiger auch ein ß1-Adrenorezeptor-Agonist zum Einsatz, der deutlich nebenwirkungsärmer ist.

Derzeit liegen keine aktuellen Zahlen vor, wie viele Menschen in Österreich von einer Reizblase betroffen sind. Laut Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft leiden europaweit zwischen 15 und 20 % unter einer überaktiven Blase. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Zum einen liegt das daran, dass Frauen während und nach den Wechseljahren aufgrund des Östrogenmangels häufig mit einer überaktiven Blase zu tun haben. Zum anderen sind Frauen im Vergleich zu Männern durch eine viel kürzere Harnröhre häufiger von Infektionen der Harnwege betroffen. Die vermehrten Harnwegsinfektionen können in Folge eine Ursache der Reizblase sein.

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Die Harnblase einer Frau speichert zwischen 250 und 400 Milliliter Flüssigkeit, bei Männern liegt die Menge sogar zwischen 350 und 500 Milliliter. Erst wenn ein bestimmter Füllzustand erreicht ist, senden Rezeptoren, die sich in der Blasenwand befinden, üblicherweise ein Signal an das Gehirn und kündigen somit den Harndrang an. Sofern keine Toilette aufgesucht wird, stellt sich die Empfindung noch einige Zeit zurück, die Blase füllt sich weiter und sendet dann erneut einen Reiz an das Gehirn. Das geht so lange bis dem Harndrang nachgegeben wird und sich die Blase entleert.

Dieser Ablauf ist bei Personen mit einer überaktiven Blase (Reizblase) gestört. Eigentlich sollte der Blasenmuskel während der Füllungsphase entspannt sein und sich erst anspannen, wenn das Fassungsvermögen der Blase erreicht ist. Bei den Betroffenen wird der Muskel aber wesentlich früher aktiv. Die Nerven in den Harnwegen sind bei Betroffenen besonders empfindlich und signalisieren starken Harndrang, auch wenn die Blase noch nicht gefüllt ist. Kommt das häufiger vor, reagiert auch das zentrale Nervensystem zunehmend empfindlicher, die Blase wird immer früher entleert – schon bei kleinen Füllmengen. 

Derzeit sind die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt. Es kann infolge bestimmter Erkrankungen zu einer Reizblase kommen (z.B. Diabetes, Fibromyalgie oder chronische Verstopfung) aber auch bei Schwangerschaft, Geburt oder in den Wechseljahren (Hormonveränderungen, Östrogenmangel). 

Zu den Risikofaktoren, die die Entstehung einer Reizblase begünstigen können, zählen:

  • Ein "Fehltraining" der Blase durch zu häufige oder zu seltene Toilettengänge über Jahre
  • Altersbedingte Veränderungen der Harnwege
  • Stress, Nervosität oder psychische Belastungen
  • Übergewicht

Folgende Symptome können auftreten:

  • Gesteigerter plötzlicher Harndrang (häufig auch nachts)
  • Geringe Urinmengen bei Ausscheidung während des Toilettengangs
  • Gefühl, eine Restmenge zurückzubehalten
  • Bald nach dem Toilettengang wieder urinieren
  • Unfreiwilliger Flüssigkeitsverlust (Dranginkontinenz)

Betroffene haben das Gefühl, dringend auf die Toilette zu müssen, scheiden aber dann nur geringe Mengen bzw. wenige Tropfen aus. Sie werden mehrmals in der Nacht wach, um auf das WC zu gehen. Beschwerden wie Schmerzen oder Brennen beim Urinieren treten bei einer Reizblase in der Regel nicht auf. Diese Symptome sind eher typisch für eine Harnwegsinfektion oder Blasenentzündung. Bei der überaktiven Blase hingegen liegt keine entzündliche Veränderung des Gewebes vor und im Urin können keine Bakterien nachgewiesen werden.

Je nachdem, ob damit auch eine Dranginkontinenz verbunden ist, unterscheidet man:

  • eine "nasse" überaktive Blase: Es kann zu einer unkontrollierten Entleerung der Blase kommen. Betroffene verlieren unwillkürlich Urin (Dranginkontinenz).
  • eine "trockene" überaktive Blase: Der Betroffene erreicht gerade noch die Toilette (keine Dranginkontinenz).

Üblicherweise ist die Hausärzt:in die erste Anlaufstelle. Die Symptome einer Reizblase können sowohl von Veränderungen der Blasenschleimhaut (Urothel) und der Harnröhre, als auch von gynäkologischen Erkrankungen wie einer Zyste ausgelöst werden. Daher kann neben der Untersuchung bei der Urolog:in auch eine Vorstellung bei der Gynäkolog:in sinnvoll sein.

Da der ständige Harndrang nicht durch sichtbare krankhafte Veränderungen ausgelöst wird und auch keine Bakterien im Urin nachgewiesen werden können, muss die Ärzt:in anhand einer Ausschlussdiagnose vorgehen. Dabei werden neben Infektionen des Harntraktes auch Erkrankungen der Nieren und des Uterus ausgeschlossen. Wenn diese Ursachen nicht in Frage kommen, handelt es sich wahrscheinlich um eine überaktive Blase.

In einem ausführlichen Patient:innengespräch (Anamnese) fragt die Ärzt:in nach vorhergehenden Erkrankungen, besonders im Bereich der Blase, der Nieren und der Harnwege. Außerdem sind Informationen rund um den Toilettengang von Bedeutung. Dabei geht es vor allem um die Häufigkeit des Harndranges, um die tägliche Trinkmenge, um das Ausmaß an ausgeschiedenem Harn und darum, ob es durch den ständigen Reiz zu Inkontinenzerscheinungen kommt. Um diese Fragen möglichst genau beantworten zu können, sollten die Patient:innen für 2 bis 5 Tage ein sogenanntes Miktionstagebuch führen, in dem sie Obengenanntes eintragen.

Danach folgt eine körperliche Untersuchung, um Harnwegsinfekte und andere Erkrankungen auszuschließen. Anhand einer Urinprobe wird festgestellt, ob eine bakterielle Infektion vorliegt. Außerdem kann die Ärzt:in mit Hilfe eines Ultraschallgerätes die Gestalt und die anatomische Lage der Harnröhre und der Blase untersuchen und Gewebsveränderungen wie Zysten oder Tumore ausschließen. Auch die Messung des Restharns, der unter Umständen nach dem Toilettengang in der Harnblase verbleibt anstatt ausgeschieden zu werden, kann anhand einer Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden.

Besondere Untersuchungsmethoden sind darüber hinaus: 

  • die Uroflowmetrie, bei der der Harnfluss gemessen wird, 
  • sowie die Harnröhren- und Blasenspiegelung (Urethrozytoskopie), bei der ein schmaler Schlauch durch die Harnröhre bis zur Blase eingeführt wird, um die Organe von innen zu untersuchen. Im Inneren des Schlauches befinden sich Arbeitskanäle, durch die eine Kamera, Licht und andere filigrane Instrumente bedient werden können. 
  • In unklaren Fällen wird auch eine urodynamische Messung der Harnblase und Harnröhre durchgeführt.

Zur Behandlung einer Reizblase gibt es kein einheitliches Vorgehen, sondern dieses richtet sich nach dem jeweils vorliegenden Fall sowie den Wünschen und dem Leidensdruck der Patient:in. 

Die Therapieoptionen einer Reizblase lassen sich unterteilen in:

  • Konservative Therapien
  • Medikamentöse Therapien
  • Operative Therapien

Konservative Therapien

Toilettentraining: Wenn die Betroffenen nur leichte Beschwerden spüren, beginnt die Therapie der überaktiven Blase mit einem gezielten Blasen- und Toilettentraining. Dabei versucht die Patient:in, Schritt für Schritt die Zeit zwischen den Toilettengängen zu verlängern, um somit die Kontrolle über die Ausscheidung wiederzuerlangen. Dafür gehen die Betroffenen zu Anfang der Therapie alle 2 Stunden auf die Toilette. Dabei ist es egal, ob Harndrang besteht oder nicht. Der Abstand wird dann Woche für Woche gesteigert, um einen einheitlichen Rhythmus zu erlangen. Um die Fortschritte zu dokumentieren, sollten die Patient:innen im Miktionstagebuch den Abstand zwischen den Toilettengängen sowie Harn- und Trinkmenge notieren.
Beckenbodentraining
und Biofeedback:
Mithilfe einer Physiotherapeut:in kann ein spezielles Beckenbodentraining durchgeführt werden, um den Blasenmuskel und seinen Verschlussmechanismus zu trainieren. Die Übungen sollten dann regelmäßig zu Hause durchgeführt werden.

Medikamentöse Therapien

Medikamente: Mithilfe spezieller Wirkstoffe kann die Kontraktion der Blasenmuskulatur abgeschwächt werden. Dafür verschreibt die Ärzt:in in der Regel sogenannte Anticholinergika, die bestimmte Rezeptoren blockieren und somit eine Weiterleitung der Nervenreize verhindern. Alle eingesetzten Medikamente haben verschiedene unerwünschte Wirkungen, deshalb kommt in den letzten Jahren immer häufiger auch ein ß1-Adrenorezeptor-Agonist zum Einsatz, der deutlich nebenwirkungsärmer ist als Anticholinergika. Grundsätzlich müssen alle Medikamente von der Ärzt:in verordnet werden.
Lokale Östrogenisierung: Bei einigen Frauen tritt eine Reizblase oft erst mit den Wechseljahren und den damit verbundenen Hormonänderungen im Körper auf. Um einem Östrogenmangel entgegenzuwirken, können hormonhaltige Salben in geringen Mengen direkt in die Vagina eingebracht oder in Form von Zäpfchen eingeführt werden.
Blaseninstillation: Bei dieser Methode werden in die Blase Medikamente eingebracht, die die Schleimhaut beruhigen sollen, damit der Schleimhautfilm sich regenerieren kann. Ziel der Methode ist es, dass danach weniger intensive Reize an den Rezeptoren der Blaseninnenwand ausgelöst werden. Das Arzneimittel muss über einen Zeitraum von mindestens 10-12 Wochen alle 7 Tage von der Ärzt:in über einen dünnen Katheter in die Blase eingebracht werden. Schlägt die Behandlung an, kann das Intervall auf einen Monat verlängert werden.

Operative Eingriffe

Elektrotherapie: Bei der sogenannten Sakralen Neuromodulation werden an den Nervenwurzeln winzige Elektroden angebracht und ein Generator unter der Haut implantiert. Das Ganze funktioniert ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher. Die Elektroden geben Stromimpulse ab, dadurch wird die Blasenmuskulatur angeregt, sich zu entleeren. Die Blasenfunktion kann somit von der Patient:in über eine kleine Fernbedienung von außen gesteuert werden.
Botolinumtoxin (Botox): Um die Muskeln der Blase zu schwächen, kann das lähmende Nervengift, das sonst hauptsächlich in der Kosmetik zum Einsatz kommt, in die Wand der Blase eingespritzt werden. Dafür dringt der Ärzt:in durch die Harnröhre in die Blase ein und spritzt das Nervengift in stark verdünnter Form in 10 bis 30 verschiedene Areale ein, dadurch wird ein geringer Teil der gesamten Blasenmuskulatur gelähmt und es werden weniger Nervenreize zur Muskelkontraktion an das Gehirn gesendet. Die Behandlung hält in der Regel für 6 bis 9 Monate und muss dann wiederholt werden. Alternativ kann auch seit Kurzem das Anticholinergikum Oxybutinin intravesical verabreicht werden, mit deutlich weniger Nebenwirkungen als systemische Anticholinergika.
Operation: Wenn keine der genannten Behandlungsmethoden anschlägt, kann die Blase chirurgisch ersetzt oder erweitert werden. Für die Operation verwendet man in der Regel ein kleines Stück des Dünndarms.

In den letzten Jahren kommt bei der medikamentösen Therapie immer häufiger auch ein ß1-Adrenorezeptor-Agonist zum Einsatz, der deutlich nebenwirkungsärmer ist als Anticholinergika. Grundsätzlich müssen alle Medikamente von der Ärzt:in verordnet werden.

Prim. Dr. Karl Grubmüller, Facharzt für Urologie

Das Toilettentraining sowie das Beckenbodentraining können nur erfolgreich sein, wenn sich Betroffene an den Plan halten. Für das Toilettentraining heißt das: das Miktionstagebuch sollte zur Kontrolle regelmäßig und genau geführt werden, außerdem sollte man sich so gut wie möglich an die vorgeschriebenen Pausen zwischen den Toilettengängen halten. Beim Beckenbodentraining ist es wichtig, die Übungen zur Kräftigung und Straffung der Muskulatur regelmäßig durchzuführen. Ein gemeinsames Training in Gruppen kann hierbei hilfreich sein.

Zusätzlich können Änderungen der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten hilfreich sein, um Beschwerden zu lindern:

  • Ausreichend trinken: Oft trinken Betroffene zu wenig, aus Angst, es nicht rechtzeitig auf die Toilette zu schaffen. Ist der Wassergehalt des Urins zu gering, können die konzentrierten Bestandteile des Urins die Blase noch mehr reizen.
  • Auf harntreibende Getränke verzichten: Kaffee, Schwarztee oder Alkohol kann die Blase zusätzlich reizen.
  • Auf Ernährung achten: Lebensmittel, wie Zitrusfrüchte, Tomaten, scharfe Gewürze können die Blase reizen.
  • Überschüssige Kilos reduzieren: Der Druck auf die Blase ist bei Übergewicht erhöht.
  • Vorsicht bei pflanzlichen Arzneimitteln: Viele Nieren- und Blasentees beinhalten pflanzliche Wirkstoffe, die einen harntreibenden Effekt haben. Goldrutenkraut wirkt zwar reizlindernd und entspannend auf die Blasenmuskulatur, erhöht jedoch auch die Harnmenge, was die Beschwerden verstärken kann.

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ICD-Codes:

  • N32
  • N31

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