Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Frau sitzt nachdenklich auf der Couch und blickt Richtung Fenster
PTBS-Betroffene fühlen sich oft hilflos, haben Flashbacks, Alpträume, Schlafprobleme und Angst.
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Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens ein Trauma. Bedrohliche Ereignisse bedeuten eine massive Beanspruchung der menschlichen Bewältigungsmechanismen. Ob sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt oder nicht hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Medizinische Expertise

Elisabeth Fölser

Elisabeth Fölser, BSc

Psychotherapeutin, Coach, Supervisorin, Dipl. Sozialarbeiterin
Klosterstr. 6, 4020 Linz
www.foelser.at
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Inhaltsverzeichnis

  • Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt als verzögerte oder verlängerte psychische Reaktion in Folge eines Traumas auf.
  • Betroffene von PTBS fühlen sich oft hilflos, haben Flashbacks, Alpträume, Schlafprobleme und Angst.
  • Es gibt verschiedene Faktoren, die die Entwicklung einer PTBS begünstigen.
  • Eine PTBS wird in der Regel im Rahmen einer Psychotherapie behandelt.

Synonyme deutschsprachige Wörter für das aus dem griechischen stammende Wort Trauma sind die Begriffe "Verletzung" oder "Wunde". Der Begriff wird sowohl in der Medizin, als auch in der Psychologie/Psychiatrie und Psychotherapie als Fachbegriff verwendet. In den drei letztgenannten Disziplinen kann man den Fachbegriff allgemein mit deutschen Worten "seelischer Schock/Erschütterung" oder "ursächliches belastendes Ereignis" umschrieben werden.

Konkret versteht man unter dem Begriff Trauma eine von außen einwirkende körperliche und/oder seelische Verletzung, welche mit Todesangst und Vernichtungsgefühl einhergeht. Diese außergewöhnliche Erfahrung übersteigt in der Regel die uns Menschen zur Verfügung stehenden Anpassungs- und Bewältigungsmechanismen.

Eine traumatische Erfahrungen ist eine existentiell erlebte Bedrohung der körperlichen und/oder seelischen Unversehrtheit. Die Betroffenen sind einem Erleben von extremer Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht ausgesetzt, welche mit einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses einhergeht. 
Zu den existenziell bedrohlichen Ereignissen zählen vor allem: 

  • das Erleben von körperlicher und seelischer Gewalt
  • das Erleben einer vom Menschen hervorgebrachte Katastrophe wie Krieg, Fluchterfahrungen, Terrororismus, schwerer Unfall, …
  • das Erleben einer Naturkatastrophe
  • Aber auch eine lebensbedrohliche Erkrankung, etwa ein Herzinfarkt kann, zu PTBS führen.

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt als verzögerte oder verlängerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis (Trauma) auf. Man spricht hier auch von einer sog. Traumafolgestörung bzw. Traumafolgeerkrankung.

PTBS ist in jeder Altersstufe möglich. Es können nicht nur Menschen eine PTBS entwickeln, die ein Trauma erlebt haben, sondern auch Menschen, die Zeuge eines solchen Geschehens wurden. Im Hintergrund einer PTBS kann ein einmaliges Trauma liegen. Es kann sich aber auch um eine Serie von schrecklichen Ereignissen handeln. Vor allem bei sich wiederholenden und langanhaltenden traumatischen Situationen, aus denen eine Flucht schwierig bis unmöglich war, können die Betroffenen in der Folge an einer komplexen PTBS (kPTBS) erkranken.

Bereits während und unmittelbar nach und mitunter auch noch Wochen nach einer traumatischen Erfahrung zeigen Betroffene Reaktionen auf das belastende Ereignis. Bedrohliche Ereignisse bedeuten eine massive Beanspruchung der menschlichen Bewältigungsmechanismen. Es besteht in solchen Situationen ein innerer und äußerer Ausnahmezustand. Die psychische Stabilität ist akut gefährdet. Psychische Reaktionen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit einer traumatischen Erfahrung und innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens stellen per se keine psychische Folgeerkrankung (PTBS) nach einer traumatischen Erfahrung dar, sondern sind "normale" Reaktionen auf ein erlebtes schwer belastendes Ereignis, in diesem Fall spricht man von einer akuten Belastungsreaktion. 

Kurzfristige psychische Reaktionen und Vehaltensweisen können mitunter sein: 

  • Schock, das Gefühl von Unwirklichkeit
  • Schuldgefühle
  • Scham
  • Heftige Gefühlsäußerungen: weinen, schreien, aggressive Ausbrüche, ..
  • Äußerliche Gelassenheit, Apathie
  • Wegggehen, sich verstecken oder verbergen wollen
  • Angebotene Hilfe ablehnen
  • Schlafstörungen, Alpträume
  • Dissoziationen, Depersonalisation, Derealisation
  • Betäubungsgefühle, vegetative Symptome (Schwitzen, Herzrasen, Übelkeit)
  • Schweigen
  • Sozialer Rückzug
  • Keinen klaren Gedanken fassen können

Von einer PTBS spricht man wenn innerhalb von 6 Monaten nach dem außergewöhnlichen Ereignis noch typische Symptome bestehen und die Leistungsfähigkeit in wichtigen Lebensbereichen eingeschränkt ist. Die Symptome können dabei in unterschiedlich starker Ausprägung auftreten und müssen bereits länger als ein Monat andauern. Die Betroffenen fühlen sich nicht oder teilweise nicht in der Lage das Erlebte zu verarbeiten. 

Die wesentlichen Leitsymptomcluster einer PTBS sind (ICD-11 Diagnosekriterien):

Wiedererleben (1) Intrusive Erinnerungen, Flashbacks oder (2) Alpträume, meist in Verbindung mit emotionaler Belastung oder physischen Reaktionen
Vermeidung Vermeidung von Gedanken und Erinnerungen oder Aktivitäten, Situationen und Personen, die an das Ereignis erinnern
Übererregung Wahrnehmung anhaltender Bedrohung oder erhöhte Schreckhaftigkeit
Beeinträchtigung Funktionale Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen oder anderen Bereichen

Bei Menschen, die eine PTBS entwickeln, können zusätzlich noch weitere Belastungen auftreten etwa Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, im Selbstbild und in den interpersonellen Beziehungen.
Aufgrund eines Traumas kann es zu weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder einer Suchterkrankung kommen.

Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens ein Trauma. Ob sich eine PTBS entwickelt oder nicht hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: 

Trauma ist nicht gleich Trauma

Aus der Forschung (Perkonigg et al. 2000; Flatten 2005) wissen wir, dass je nach Art des erlebten Traumatas in der Folge zur Ausbildung einer PTBS kommt:

  • 50% nach einer Vergewaltigung
  • 25% nach anderen Gewaltverbrechen
  • 20% bei Kriegs- und 15% bei Verkehrsunfallopfern
  • 15% bei schweren Organerkrankungen (etwa Herzinfarkt)

Darüber hinaus gibt es noch weitere Einflussfaktoren die die Entwicklung einer PTBS begünstigen. Man unterscheidet zw. prätraumatischen, peritraumatischen und posttraumatischen Variablen.

Prätraumatische Variablen: 
  • Alter: Jung
  • Geschlecht: weiblich
  • Intelligenzminderung
  • Sozioökonomischer Status: niedriger Bildungsstand
  • Psychische Vorerkrankungen
Peritraumatische Variablen:
  • Objektiver Schweregrad: je schwerer um so eher
  • Grad der subjektiven Bedrohung
  • Vorhersehbarkeit
Posttraumatische Variablen:
  • Früh einsetzende Flashbacks oder Dissoziationen
  • Ungenügende soziale Unterstützung: Unmittelbar nach dem belastenden Ereignis sind emotionale Zuwendung und Unterstützung wichtig. Betroffene brauchen eine sichere Umgebung, in der sie vor weiteren Belastungen geschützt sind. 
  • Einschränkungen (wie weit kann der Betroffene sein bisheriges Leben weiterführen wie bisher), Schmerzen

Bei Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung ist ein ausführliches Gespräch mit einer Ärzt:in für Psychiatrie, einer Psychotherapeut:in oder einer klinischen Psycholog:in der erste Schritt.

Betroffene können sich auch an eine Kriseninterventionseinrichtung oder eine Ambulanz für Psychiatrie, Psychosomatik bzw. Psychotherapie wenden.

Eine posttraumatische Belastungsstörung wird in der Regel psychotherapeutisch behandelt. Mitunter kann eine Psychopharmakotherapie begleitend notwendig sein. Je nach Schweregrad der PTBS kann ein teilstationärer oder stationärer Klinikaufenthalt nötig sein.

Die Behandlung der PTBS ist unterschiedlich und hängt von der Art der Folgeerkrankungen (etwa PTBS oder kPTBS) und etwaigen komorbiden psychischen Erkrankungen ab.

Die in der psychotherapeutischen Begleitung haben sich zwei wesentliche inhaltliche Schwerpunkte in der Behandlung etabliert:

Schritt 1: Stabilisierung: Patient:in und Psychotherapeut:in entwickeln gemeinsam eine geeignete Behandlungsstrategie. Ziel ist, dass der Alltag leichter bewältigt werden kann. Dazu kann es etwa nötig sein Affekte wieder besser regulieren zu können, das Erleben von Selbstwirksamkeit wieder zu erlangen oder dass der Betroffen:e sich wieder im Hier und Jetzt orientieren kann. 
Schritt 2: Traumakonfrontation und Integration: Ziel der Therapie ist, dass die erlebten Erfahrungen bearbeitet und integriert werden können und die auftretende Folgesymptomatik geheilt oder zumindest reduziert werden kann. Eine Phase in der Behandlung ist die Auseinandersetzung mit den belastenden traumatisierenden Geschehen an sich. Dabei wird die Patient:in im geschützten Rahmen der Therapie langsam an das Trauma herangeführt. Es gibt in der Zwischenzeit eine Reihe von traumakonfrontativen Ansätzen und Methoden, bekannte Methoden sind EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), Imaginative Techniken (etwa Bildschirm-Technik) oder Traumaexposition (Verhaltenstherapie). 

Um den Weg zurück in den Alltag zu finden, können zusätzlich auch Rehabilitationsmaßnahmen wie Ergo-, Sport- und Sozialtherapie hilfreich sein.


Autor:innen:
Redaktionelle Bearbeitung:
Medizinisches Review:
Erstellt am:

13. Mai 2024

Stand der medizinischen Information:

13. Mai 2024


ICD-Code:
  • F43.1

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