Hochsensibilität (HSP)

Frau sieht aus dem Fenster und schließt die Augen
Hochsensible Menschen reagieren sehr sensibel und intensiv auf Reize aus ihrer Umwelt.
© Max kegfire / shutterstock.com
Direkt zum Inhaltsverzeichnis

Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitseigenschaft, bei der Sinnesreize intensiver verarbeitet und wahrgenommen werden. Dies kann äußere Reize wie Berührungen sowie die Wahrnehmung von Gefühlen gleichermaßen betreffen. Die Folge kann eine Reizüberflutung sein.

Medizinische Expertise

Caroline Makovec

Mag. Caroline Makovec

Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, Supervisorin, Coach
Seidlgasse 32/6, 1030 Wien
www.psychologie-makovec.at
Medizinische Fachbeiträge auf MeinMed.at werden von 🇦🇹 österreichischen Ärzt:innen und medizinischen Expert:innen geprüft.

Inhaltsverzeichnis

Menschen nehmen Umwelteinflüsse und Reize unterschiedlich wahr. Hochsensible Personen (HSP) reagieren sehr sensibel und intensiv auf Reize. Aufgrund einer Reizüberflutung fühlen sie sich oft überfordert und erschöpft. Es wird geschätzt, dass etwa 15 % bis 20% der Bevölkerung eine Hochsensibilität aufweisen.

  • Hochsensibilität ist keine Störung oder Krankheit. Es handelt sich dabei um ein Persönlichkeitsmerkmal. Eindrücke und Umwelteinflüsse werden intensiver wahrgenommen und verarbeitet.
  • Die Abkürzung „HSP“ steht für hochsensible Person oder highly sensitive person (engl.).
  • Hochsensible Menschen nehmen Reize und Informationen aus ihrer Umwelt stärker und intensiver wahr.
  • Eine achtsame Gestaltung des Alltags sowie das regelmäßige Aufsuchen eines Rückzugsortes können helfen, einer Reizüberflutung vorzubeugen.
Art Persönlichkeitsmerkmal, Eigenschaft
Anzeichen

Positive Anzeichen sind: besonders feines Fühlen, intensives, nuancenreiches, umfangreiches Wahrnehmen, übergreifendes und vernetztes Denkvermögen, hohe Bereitschaft, sich in andere einzufühlen, guter Zugang zur Intuition, hohes kreatives Potential, Idealismus, Gewissenhaftigkeit

Kommt es zu einer Reizüberflutung, kann diese jedoch auch Symptome auslösen wie Überforderung, Gereiztheit, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Schlafstörungen
Ursachen vermutlich genetische Veranlagung
Strategien zur Entlastung Alltag bewusst und achtsam erleben, Ruhephasen einhalten, Rückzugsorte aufsuchen, Entspannungstechniken anwenden

Als Pionierin des Begriffs Hochsensibilität gilt die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die das Konzept erstmals gegen Ende der 90er Jahre beschrieb. Die Umwelt mit all ihren Geräuschen, Gerüchen oder Bildern und Farben löst Reize aus – je nach Ausprägung und Veranlagung reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf diese Eindrücke. Diese Umweltreize überschreiten die Wahrnehmungsschwelle von hochsensiblen Menschen rascher – sie nehmen diese Einflüsse intensiver und stärker wahr, schnell ist etwas beispielsweise zu laut, zu schnell oder zu viel.

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Störung, sondern eine Eigenschaft, die durch eine höhere sensorische Verarbeitungssensitivität gekennzeichnet ist. Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnte gezeigt werden, dass Hochsensibilität mit der Aktivierung bestimmter Gehirnareale einhergeht. Diese Areale stehen in Zusammenhang mit:

  • Aufmerksamkeit
  • Empathie
  • Handlungsplanung
  • Integration sensorischer Informationen und der Verarbeitung dieser Informationen

Eine intensive Wahrnehmung und Verarbeitung, wie sie bei hochsensiblen Personen auftritt, kommt sogar relativ häufig vor. Schätzungen zufolge liegt bei 15 % bis 20 % der Bevölkerung eine unterschiedlich ausgeprägte Hochsensibilität vor.

Reagieren Menschen sensibel und intensiv auf Reize, macht sich dies vor allem im Alltag bemerkbar: Viele Menschen, Stimmengewirr, laute Musik, grelles Licht, ein eng getakteter Terminkalender können hochsensible Personen an ihre Grenzen bringen. Es kann auch vorkommen, dass unterschiedlich stark auf die einzelnen Sinne reagiert wird, beispielsweise intensiv auf Gerüche, aber weniger auf laute Musik.

 

Folgende Anzeichen können u.a. mit Hochsensibilität in Zusammenhang stehen:

  • Stärker ausgeprägte Sinneswahrnehmungen (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen) mit erhöhter Genussfähigkeit
  • Stärker ausgeprägte Emotionen, z.B. Freude, Begeisterung oder Trauer
  • Stärker ausgeprägte Empathie (Einfühlungsvermögen)
  • Besondere Feinfühligkeit
  • Intuitive Begabung (inneres Wissen)
  • Gute Beobachtungsgabe
  • Übergreifendes, vernetztes Denken
  • Hohes kreatives Potential
  • Perfektionismus
  • Idealismus, Engagement, Begeisterungsfähigkeit, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Sinn für Ganzheitlichkeit, Stimmigkeit
  • Gute Menschenkenntnis
  • Erfühlen von (Miss-)Stimmungen anderer Menschen
  • Sowohl Introvertiertheit (70%) als auch Extravertiertheit (30%)
  • Probleme mit der Entscheidungsfindung bis hin zu belastendem Grübeln
  • Übererregung durch Reizüberflutung kann psychische und körperliche Symptome auslösen (z.B. Nervosität, Unwohlsein, Reizbarkeit, Erschöpfung, Überanstrengung, Überforderung, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Geräuschempfindlichkeit, erhöhtes Schmerzempfinden, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen)

Eine permanente Reizüberflutung ist sehr anstrengend und daher ein enormer Stressfaktor. Angststörungen, Depression und andere psychische Erkrankungen können aufgrund einer höheren psychischen Verletzbarkeit bei hochsensiblen Menschen häufiger auftreten. Regelmäßige Erholungsphasen und Entspannung sind daher sehr wichtig.

Welche Ursachen eine hochsensible Sinneswahrnehmung haben kann, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig belegt. Die Forschung steckt hier noch in den Kinderschuhen. Man geht allerdings von einer genetischen Veranlagung aus.

Erkenntnisse aus der Hirnforschung deuten darauf hin, dass die neuronale Reizfilterung und -verarbeitung bei hochsensiblen Personen stärker ausgeprägt und der Hypothalamus, jener Teil des Gehirns, der u.a. das Gefühlsverhalten beeinflusst, sowie bestimmte Regionen des Neokortex aktiver sein dürften. Auch der Thalamus, der größte Teil des Zwischenhirns, dürfte eine Rolle spielen. Er filtert und steuert sensible und sensorische Informationen und wird als „Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet.

Da es sich bei Hochsensibilität um keine Krankheit handelt, gibt es auch keine Diagnose im medizinischen Sinne. Klinische Psycholog:innen oder spezialisierte Psychotherapeut:innen können eine Anlaufstelle sein, wenn die Hochsensibilität als belastend empfunden wird. Es ist wichtig, die Beschwerden ernst zu nehmen.

Die HSPS-G-Skala dient dazu, eine Feinfühligkeit bzw. Hochsensibilität psychologisch zu messen. Hohe Skalenwerte deuten auf eine intensivere Wahrnehmung hin.

Es kursieren zahlreiche Selbsttests, die dabei helfen sollen, eine mögliche Hochsensibilität festzustellen. Diese sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da eine fachkundige Interpretation des Ergebnisses fehlt.

Das Gefühl der ständigen Überreizung wird als belastend empfunden und geht häufig auch mit Selbstzweifeln einher. Die Akzeptanz und das Bewusstsein für die intensive Wahrnehmung sowie die Bereitschaft zur Selbstfürsorge sind wichtige erste Schritte, um dem Leben dann wieder mit mehr Freude und Leichtigkeit zu begegnen.

Es kann helfen, sich im Alltag bewusster zu erleben, um herauszufinden, welche Begebenheiten und Situationen zur Überreizung führen. Sind die Stressoren bekannt, ist es auch möglich, sich mental darauf vorzubereiten. Ebenso ist es wichtig, regelmäßig Pausen einzuhalten und Rückzugsorte aufzusuchen, um Eindrücke verarbeiten zu können.

Tipps, die im Alltag helfen können: 

  • Sich selbst weniger Druck machen
  • Entschleunigter Alltag, nicht zu viele Termine an einem Tag wahrnehmen
  • Bewusst atmen
  • Pausen gönnen
  • Ausreichend Trinken und Essen
  • Entscheidungen intuitiv treffen, d.h. dem Verstand weniger Macht geben, stattdessen der inneren Weisheit folgen
  • Selbstsabotagemuster (z.B. Selbstzweifel) identifizieren und entkräften
  • Lernen, „Nein“ zu sagen
  • Rückzugsorte aufsuchen
  • Ruhige Arbeits- und Wohnumgebung schaffen
  • Viel Bewegung machen, idealerweise an der frischen Luft
  • Sich selbst etwas Gutes tun
  • Ausreichend schlafen
  • Freundschaften pflegen
  • Entspannungstechniken anwenden, z.B. Yoga, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training
  • Selbsthilfegruppen

Autor:in:
Redaktionelle Bearbeitung:
Medizinisches Review:
Erstellt am:

31. Januar 2024

Stand der medizinischen Information:

31. Januar 2024

Mehr zum Thema

Derzeit aktuell

Neueste Beiträge