Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

Zuletzt aktualisiert am 7. Mai 2020

Kind liegt am Sofa, hält sich den Kopf und leidet unter Kopfschmerzen
Kopfschmerzen können aufgrund genetischer Veranlagung aber auch durch Trigger-Faktoren verursacht werden.
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"Mama, ich hab Kopfweh“ – Kopfschmerzen gehören auch bei Kindern und Jugendlichen zu den häufigsten Erkrankungen. Die Gründe für das Auftreten von Kopfschmerzen sind vielfältig. 

Medizinische Expertise

Dr. Hermann Graf

Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Oberpullndorf (Bgld)

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Inhaltsverzeichnis

Neben einer genetischen Komponente können auch Angst und Stress oder hormonelle Schwankungen während der Pubertät Migräne oder Spannungskopfschmerzen – die beiden häufigsten Formen – hervorrufen. Die Gabe von Medikamenten steht in der Behandlung von Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter allerdings nicht im Vordergrund.

  • Kopfschmerzen treten bei Kindern und Jugendlichen sehr häufig auf.
  • Sowohl die Schmerzarten als auch deren Auslöser können teils sehr unterschiedlich aussehen.
  • Zu den möglichen Ursachen der Kopfschmerzen zählen Mangelernährung, Schlafmangel, Stress, muskuläre Verspannungen und hormonelle Schwankungen.
  • Migräne wird als starker, eher stirnbetonter Kopfschmerz wahrgenommen, oft begleitet von Übelkeit.
  • Behandlungsansätze sind ausreichendes Essen und Trinken, Ruhe und Reduktion der Bildschirmzeit.
Art Symptom oder eigenständige Erkrankung
Ursachen Flüssigkeitsmangel, Mangelernährung, Schlafmangel, Stress, Verspannungen
Diagnose Untersuchungen bei HNO, Augenarzt, Orthopäde, Zahnarzt
Therapie ausreichend trinken und essen, körperliche Ruhe, Reduktion der Bildschirmzeit
Vorbeugung regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten, ausreichend Bewegung, Psyche schonen

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen. Etwa jedes 5. Kind gibt an, mindestens 1 Mal im Monat Kopfschmerzen zu haben. Die International Headache Society (IHS) unterscheidet dabei zwischen mehr als 100 verschiedenen Kopfschmerzformen. Bei der Häufigkeit zwischen den Geschlechtern gibt es eine ähnliche Verteilung wie bei den Erwachsenen: Mädchen erkranken etwa drei Mal so häufig an Kopfschmerzen, wie Jungen.

Warum Kopfschmerzen genau auftreten, ist noch nicht vollständig geklärt. Neben einer genetischen Veranlagung können Kopfschmerzen zum Beispiel durch so genannte Trigger-Faktoren verursacht werden:

  • Zu wenig getrunken

  • Zu wenig gegessen
  • 
Zu wenig Schlaf

  • Angst und Stress, z. B. in der Schule
  • Muskuläre Verspannungen
  • Körperliche Anstrengung
  • Hormonelle Schwankungen
  • Alkohol, Nikotin oder Drogen
  • Eisenmangel
  • Überlange Zeiten vor dem Fernseher oder dem Computer
  • Darmerkrankungen (wie z. B. Zöliakie oder Verstopfung)
  • Augenerkrankungen
  • 
Erhöhter Blutdruck

Ein weiterer wichtiger Auslöser, der nicht unterschätzt werden darf, ist Koffein. Die diversen, bei Kindern beliebten, Koffein haltigen Softdrinks (enthalten auch sehr viel Zucker!) können bei regelmäßigem Konsum zu Entzugssymptomen wie Kopfschmerzen führen.

Kopfschmerzen werden von der International Headache Society (IHS) in zwei Gruppen unterteilt: in die primären Kopfschmerzen, dabei ist der Kopfschmerz selbst die Erkrankung, und die sekundären Kopfschmerzen, welche von anderen Erkrankungen – wie z. B. von einer Gehirnhautentzündung (Meningitis) – hervorgerufen werden.

Primäre Kopfschmerzen

Zu den primären Kopfschmerzen gehören unter anderem die Migräne und der Spannungskopfschmerz. Sie sind die häufigsten Kopfschmerzformen bei Kindern und Jugendlichen. Eine Besonderheit bei Kindern und Jugendlichen ist eine Mischform zwischen diesen beiden Formen, welche sich in der Behandlung unterscheiden.

Migräne

Bei der Migräne kommt es zu einem meist an der Vorderseite des Kopfes liegenden Kopfschmerz, der – anders als bei Erwachsenen – in der Regel beide Seiten des Kopfes betrifft. Der Schmerz wird als stark und pulsierend beschrieben, er tritt anfallsartig und regelmäßig wiederkehrend auf. Zusätzlich kommt es oftmals zu Übelkeit und Erbrechen, einer Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Beschwerden nehmen bei körperlicher Anstrengung – im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz – zu.

Kinder, die von einer Migräne betroffen sind, haben währenddessen einen erhöhten Schlafdrang und ein vermehrtes Ruhebedürfnis. Die Beschwerden sind nach dem Schlaf meist besser. Ein Migräne-Anfall dauert bei Kindern und Jugendlichen meist zwischen 2 und 4 Stunden.

Die Veranlagung zur Migräne kann vererbt sein, aber auch hormonelle Faktoren während der Pubertät können ein Grund für das Auftreten dieser Kopfschmerzart sein, Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.

Spannungskopfschmerzen

Der Spannungskopfschmerz stellt bei Kindern die häufigste Kopfschmerzform dar – etwa 50% der Schulkinder leiden gelegentlich oder öfter an diesem Kopfschmerztyp. In der Regel sind es beidseitige, stirnbetonte dumpfe, nicht attackenhafte Schmerzen mit unscharfem Beginn und Ende. Der Schmerz dauert mehrere Stunden bis Tage an und ist leicht bis mäßig stark. Er wird als drückend oder beengend empfunden, so als hätte das Kind einen Helm auf. Anders als bei der Migräne verschlechtert körperliche Tätigkeit den Schmerz nicht, auch Übelkeit oder Erbrechen treten nicht auf. Spannungskopfschmerzen führen kaum zu einer Einschränkung der täglichen Aktivitäten.

Unterschiede zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz:

MIGRÄNE SPANNUNGSKOPFSCHMERZ
Die Kopfschmerzen dauern zwischen einer Stunde und bis zu 3 Tagen Die Kopfschmerzen dauern zwischen einer Stunde und bis zu 7 Tagen
Schmerzen werden als mittelstark bis stark empfunden Schmerzen werden als leicht bis mittelstark empfunden
Der Schmerz ist stirnbetont beidseitig Der Schmerz ist helmartig
Schmerz wird als pulsierend beschrieben Der Schmerz wird als drückend oder beengend beschrieben
Bei körperlicher Anstrengung nehmen die Kopfschmerzen zu Bei körperlicher Anstrengung nehmen die Kopfschmerzen nicht zu
Übelkeit oder Erbrechen treten auf Es treten keine Übelkeit oder Erbrechen auf
Es kommt zu einer Geräusch- und Lichtempfindlichkeit Eine leichte Geräusch- und Lichtempfindlichkeit kann auftreten
Auch Bauchschmerzen, Heißhunger, Müdigkeit, Schwindel, Blässe oder Nackenschmerzen können auftreten Auch Appetitlosigkeit, Nackenschmerzen, Zähneknirschen oder Schwinfelgefühle können auftreten

Zu den Sekundären Kopfschmerzen gehören Kopfschmerzen, welche z.B. durch Augenerkrankungen, HNO-Erkrankungen, Gefäßerkrankungen, Unterzucker oder aufgrund anderer Stoffwechselerkrankungen ausgelöst werden.


Ein Besuch beim Arzt ist erforderlich,

  • wenn die Kopfschmerzen in regelmäßigen Abständen auftreten
  • wenn einfache Maßnahmen keine Besserung bringen
  • 
wenn die Schmerzen länger als zwei Stunden anhalten
  • 
wenn die Attacken häufiger und stärker werden (bei bereits gestellter Diagnose)
  • wenn neue Symptome dazukommen

Folgende Warnsymptome müssen unbedingt ernst genommen werden:

  • Das Kind bekommt Kopfschmerzen aus dem Schlaf heraus und erbricht morgendlich auf nüchternen Magen
  • Das Kind klagt über Hinterhaupt-Kopfschmerzen mit hohem Fieber und hat einen schlechtem Allgemeinzustand
  • Das Kind hat Kopfschmerzen mit zusätzlichen neurologischen Symptomen (Anfälle, Lähmungen etc.)
  • Die Kopfschmerzen des Kindes nehmen allmählich zu und enden schließlich in einem anhaltenden, drückenden Kopfschmerz stirnbetont oder hinterhauptsbetont
  • Das Kind berichtet von Kopfschmerzen mit sehr hoher Intensität (Vernichtungsschmerz)
  • Das Kind hat konstante einseitige pulsierende Kopfschmerzen

Die erste Anlaufstelle bei wiederholtem Auftreten von Kopfschmerzen sind der Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde oder ein pädiatrisch versierter Neurologe. Im Beratungsgespräch wird der behandelnde Arzt neben einer allgemeinen kinderärztlichen auch eine neurologische Untersuchung durchführen. Für das Gespräch beim Arzt ist es wichtig, dass Sie folgende Punkte gemeinsam mit Ihrem Kind beantworten können:

  • Wie fühlt sich der Kopfschmerz an? Z. B. pochend, stechend, einseitig, beidseitig?
  • Wann tritt der Kopfschmerz auf? Z. B. nach der Schule, vor Prüfungen? Nach dem Erwachen, am Vormittag, am Nachmittag nach der Schule?
  • Wie häufig tritt der Kopfschmerz auf?
  • 
Wie stark beeinträchtigt der Kopfschmerz das Kind?
  • Wie läuft eine typische Kopfschmerzattacke ab?

  • Gibt es mögliche Auslöser? Z. B. Nahrungsmittel, Stress?
  • Welche Kinderkrankheiten hatte das Kind bereits?

Zur Basisuntersuchung gehört ein über mehrere Wochen geführtes Kopfschmerztagebuch, mit dem obige Fragen objektiviert werden können. Um andere Erkrankungen auszuschließen, werden bei Verdacht weitere Befunde erhoben. Dazu gehören zum Beispiel eine Untersuchung beim Augenarzt, HNO, Orthopäden oder Zahnarzt. Auch ein Blutbild, eine Computertomografie (CT) ein Elektrokardiogramm (EKG) oder eine Elektroenzephalographie (EEG) können angeordnet werden.

Jedes von Kopfschmerzen betroffene Kind benötigt für seine Art von Kopfschmerzen die passende Therapie. Bevor Medikamente eingesetzt werden, sollte daher die genaue Diagnose ermittelt werden. Eine allgemeine Besserung bringen oft schon einfache Maßnahmen, dazu gehören:

  • ausreichendes Trinken, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen
  • Essen, um den Blutzuckerspiegel zu heben

  • ausreichend Schlaf

  • allgemeine Ruhe
  • Reduktion der Zeiten vor dem Fernseher oder Computer

Achtung Schmerzgedächtnis: Wird der Kopfschmerz falsch behandelt, zum Beispiel wenn Medikamente zu spät eingenommen werden oder in einer unzureichenden Dosis, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Gehirn die Schmerzen „lernt“, wodurch es wiederum zu Dauerkopfschmerzen kommen kann.

Migräne

Hat das Kind einen leichten Migräne-Anfall, kann es schon helfen, wenn es ausreichend Ruhe bekommt. Auch das Auftragen von Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen kann die Beschwerden bessern. Bei der Behandlung eines stärkeren Migräneanfalls ist es sinnvoll, dass Medikamente so früh wie möglich zu geben. Dazu gehören zum Beispiel Präparate mit dem Wirkstoff Ibuprofen oder Paracetamol. Die frühzeitige Einnahme ist deshalb wichtig, weil das Medikament im späteren Verlauf einer Migräne schlechter über den Darm ins Blut aufgenommen wird und sich die vollständige Wirkung nicht entfalten kann. Gute Erfolge zeigt auch die (Laser-) Akupunktur.

Mehr lesen » Migräne vorbeugen: 7 Tipps

Spannungskopfschmerz

Im Gegensatz zur Migräne sollte beim Spannungskopfschmerz von Kindern möglichst auf die Gabe von Medikamenten verzichtet werden. Nebenwirkungen, sowie der durch eine regelmäßige Einnahme von Medikamenten verursachte Kopfschmerz sollen so vermieden werden. Der Spannungskopfschmerz ist mit einfachen Verhaltensmaßnahmen meist gut beeinflussbar, da er oft im Zusammenhang mit Stress steht:

Mögliche Verspannungen können durch die Gabe von Magnesium positiv beeinflusst werden.

  • Fördern Sie die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft
  • Planen Sie regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten ein
  • Führen Sie mit Ihrem Kind ein Kopfschmerz-Tagebuch
  • Verringern Sie psychische Belastungen, in dem Sie mit Ihrem Kind z. B. über seine Ängste und Sorgen sprechen
  • Setzen Sie Medikamente nur nach Rücksprache mit dem Arzt ein und treffen Sie keine eigenhändige Selbstmedikation
  • Reduzieren Sie die Zeiten vor Fernseher und Computer

  • Suchen Sie zeitnah bei Warnsymptomen einen Arzt oder eine Kinderambulanz auf!
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Redaktionelle Bearbeitung:
Medizinisches Review:
Zuletzt aktualisiert:

7. Mai 2020

Erstellt am:

16. August 2016


Quellen:

Pädiatrische Differenzialdiagnostik, J. Rosenecker, 1. Auflage, Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 2014

Therapie von Schmerzstörungen im Kindes- und Jugendalter, D. Zernikov, 1. Auflage, Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 2013

Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (07.05.2020)

International Headache Society (07.05.2020)