Tinnitus (Ohrensausen, Ohrgeräusch, Ohrenklingeln)

Zuletzt aktualisiert am 20. Juli 2022

Mann mit Tinnitus
An Tinnitus leiden in etwa eine Million Menschen in Österreich.
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Unter Tinnitus versteht man jede Art von Ohrgeräuschen, die auf keine äußeren Töne zurückzuführen sind. Diese Geräusche werden als Rauschen, Klingeln, Heulen oder Pfeifen wahrgenommen.

Medizinische Expertise

Dr. Andreas Temmel

Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten – Wahlarzt

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Inhaltsverzeichnis

Die Auswirkungen hängen stark von der subjektiven Wahrnehmung und Beurteilung der Ohrgeräusche ab. Tinnitus, der sowohl einseitig als auch beidseitig auftreten kann, ist keine Erkrankung, sondern ein Symptom. Man unterscheidet zwischen akuten und chronischen Tinnitus und je nach Ursache gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten.

Tinnitus aurium bedeutet übersetzt so viel wie "das Klingeln im Ohr". Bei Tinnitus handelt es sich um eine akustische Wahrnehmung, die ohne entsprechenden akustischen Reiz von außerhalb des Körpers entsteht und keinen Informationsgehalt besitzt. Akustische Halluzinationen, bei denen Betroffene zum Beispiel Stimmen hören, zählen nicht dazu.

Das Ohrgeräusch an sich ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tinnitus ist häufig ein Warnsignal und zeigt eine Fehlfunktion, Überlastung oder Erkrankung im Ohr an. Es kann prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten, auch bei Kindern. Am häufigsten betroffen sind jedoch Menschen über 50 Jahren.

Tinnitus ist ein weit verbreitetes Phänomen. Schätzungen sprechen von bis zu einer Million betroffener Österreicher, welche sich zumindest einmal im Leben mit Ohrgeräuschen auseinandersetzen müssen. Etwa 100.000 Österreicher leiden über einen längeren Zeitraum an Ohrgeräuschen.

Man unterscheidet zwischen:

  • objektiven Tinnitus: es gibt eine körpereigene Geräuschquelle im oder beim Ohr, die von anderen gehört und medizinisch gemessen werden kann (z.B. Geräusche von Blutgefäßen oder der Muskulatur). Diese Form ist sehr selten.
  • subjektiven Tinnitus: es gibt keine physikalische Geräuschquelle. Der subjektive Tinnitus ist die sehr viel häufigere Form und kann nur vom Betroffenen selbst gehört werden.

Meistens entsteht ein Tinnitus durch krankhafte Veränderungen der Schallverarbeitung im Innenohr, manchmal auch durch Veränderungen des Schalltransports im Mittelohr oder die Weiterverarbeitung des Schalls im Hörnerv der Hörbahn. In fast 90 % der Fälle tritt zusätzlich zum Tinnitus ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Hörverlust auf.

Als Auslöser für Tinnitus kommen verschiedene Ursachen in Frage:

Tinnitus-Geräusche werden sehr unterschiedliche wahrgenommen, beispielsweise als

  • Sausen
  • Brummen
  • Klingeln
  • Pfeifen
  • Zischen
  • Klopfen
  • Piepsen
  • Rauschen
  • Knacken

Die Geräusche können sehr leise, aber auch sehr laut sein. Die Lautstärke und auch die Art der Töne sind von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und können auch bei der Person selbst variieren. Das Ohrgeräusch kann entweder kurzfristig auftreten oder in chronischer Form über Monate oder Jahre hinweg die Lebensqualität des Betroffenen beeinträchtigen.

Die Auswirkungen des Tinnitus richten sich stark nach der subjektiven Wahrnehmung und Beurteilung der Ohrgeräusche. Während sich manche Patienten von dem Geräusch nicht übermäßig gestört fühlen und nach einer gewissen Zeit kaum beeinträchtigt sind, leiden andere immens an ihrem ständigen Begleiter. Durch die permanenten Ohrgeräusche kann es zu Folgeerscheinungen kommen. Zu diesen sekundären Symptomen zählen:

Unterschied zwischen akuten und chronischen Tinnitus

  • Akuter Tinnitus: Von akutem Tinnitus spricht man, wenn Ohrgeräusche erstmalig auftreten. Panik ist nicht angebracht, meist legen sich die Ohrgeräusche binnen Stunden von selbst wieder. Hat sich der Tinnitus am nächsten Tag noch nicht vermindert, ist es ratsam einen Arzt aufzusuchen, um die Ursache abzuklären und eine mögliche Chronifizierung zu vermeiden.
  • Chronischer Tinnitus: Bei chronischem Tinnitus bleibt das Ohrgeräusch, unabhängig von der auslösenden Ursache, länger als drei Monate bestehen.

Schweregrade von Tinnitus

Wie belastend Tinnitus wahrgenommen wird, hängt unter anderem vom Schweregrad ab. Folgende Schweregrade gibt es:

Grad 1 gut kompensiert, kein Leidensdruck
Grad 2 Tinnitus tritt vorwiegend bei Stille auf, störend bei Stress und Belastung
Grad 3 dauerhafte Beeinträchtigung, Störungen im emotionalen und kognitiven Bereich treten auf
Grad 4 Tinnitus führt zu sozialer Isolierung und Berufsunfähigkeit

Unter akutem Tinnitus versteht man das erstmalige Auftreten eines Ohrgeräusches. Panik ist nicht angebracht, meist legen sich die Ohrengeräusche binnen Stunden von selbst wieder. Hat sich der Tinnitus am nächsten Morgen nach dem erstmaligen Auftreten noch nicht vermindert, sollte man einen Arzt aufsuchen, um die Ursache abzuklären und um eine Chronifizierung zu vermeiden.

Bei chronischem Tinnitus (Dauer ist länger als 3 Monate) bleibt das Ohrgeräusch unabhängig von der auslösenden Ursache bestehen.

Folgende Symptome können typisch sein:

  • Ständige Fixierung auf das Geräusch
  • Konzentrationsmangel, Nervosität
  • Unruhe, Unrast
  • Schlafstörungen
  • Depressive Entwicklungen

Eine fundierte ärztliche Diagnostik und Therapie sind wichtig, um die Gefahr einer Chronifizierung zu vermindern. Der richtige Ansprechpartner ist der HNO-Arzt. Dieser wird nach einem ausführlichen Gespräch (Anamnese) eine genaue HNO-Untersuchung inklusive Hörtest durchführen. Auch bildgebende Verfahren (wie Röntgen, Ultraschall etc.) und psychologische Abklärungen können bei der Diagnose hilfreich sein.

Bei Bedarf wird der HNO-Arzt mit anderen Fachärzten zusammenarbeiten, um beispielsweise Fehlstellungen der Halswirbelsäule, mögliche Grunderkrankungen oder psychologische Probleme abzuklären.

Die Tinnitus-Therapie richtet sich nach Ursache, Schweregrad und möglichen sekundären Symptomen. Entscheidend ist außerdem, ob es sich um einen akuten oder chronischen Tinnitus handelt.

Behandlung akuter Tinnitus

Ein akuter Tinnitus tritt oft mit einer plötzlichen Hörminderung auf und wird wie ein Hörsturz behandelt – meist mit einer Kortisonbehandlung.

Behandlung chronischer Tinnitus

Bei einem chronischen Tinnitus richtet sich die Therapie nach dem Schweregrad der Belastung und möglicherweise bestehenden Begleiterkrankungen (Komorbiditäten). Ziel einer erfolgreichen Therapie ist vor allem eine langfristige Absenkung der Tinnitusbelastung sowie das Erlernen von Ablenkungsstrategien, um den Tinnitus besser verarbeiten zu können. Grundlage dafür ist eine umfassende Aufklärung und Beratung (Counseling).

Weitere mögliche Behandlungsformen sind:

  • Hörgerät: Ein Hörgerät kann bei Tinnitus helfen. Schwerhörige hören Außengeräusche vermindert, wodurch den inneren Geräuschen mehr Aufmerksamkeit zukommt. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit kann der Einsatz eines Cochlea-Implantats sinnvoll sein.
  • Hörtherapie: Eine Hörtherapie, in der die Hörwahrnehmung trainiert wird, kann bei chronischem Tinnitus erwogen werden.
  • Psychotherapeutische Behandlung: Ziel einer psychotherapeutischen bzw. verhaltenstherapeutischen Behandlung ist eine Tinnitus-Gewöhnung (Habituation), also eine Akzeptanz des Tinnitus, sowie das Erlernen von Ablenkungsstrategien. In der Regel besteht dann zwar das Ohrgeräusch noch, aber die Konzentration darauf wird weniger bzw. wird das Geräusch gar nicht mehr wahrgenommen.
  • Tinnitus-Retrainingtherapie (TRT) kann als langfristige Therapiemaßnahme zum Einsatz kommen und bei der Habituation hilfreich sein. Nach wissenschaftlicher Datenlage ist eine Versorgung mit einem Rauschgerät (Noiser) jedoch nicht erforderlich.
  • Selbsthilfegruppen: Auch der Austausch mit anderen Tinnitus-Patienten kann sehr hilfreich sein.
  • Entspannungsverfahren: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga etc. helfen, die Wahrnehmung des Tinnitus zu mindern und zu lernen, mit dem Geräusch zu leben.
  • Manualmedizinische und physiotherapeutische Therapien können hilfreich sein, wenn als Auslöser beispielsweise Veränderungen der Halswirbelsäule oder des Kauapparates in Frage kommen.

Wirksame Medikamente, die den Tinnitus verringern oder gar beenden, gibt es bislang nicht.

  • Aktiv mitwirken: Bei der Bewältigung eines Tinnitus ist die aktive Mitwirkung des Patienten wichtig.
  • Ausgleich finden: Finden Sie heraus, was Ihnen guttut! Hobbys sind wichtig, um sich abzulenken und dem Tinnitus nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.
  • Leise Musik: Leise Musik kann die Stille überbrücken. Das kann besonders beim Einschlafen hilfreich sein.
  • Gesunder Lebensstil: Gesunde Ernährung sowie weitgehender Verzicht auf Alkohol und Zigaretten wirken unterstützend.
  • Vorbeugen: Da eine Entstehung unter anderem mit Stress und Lärm in Verbindung gebracht wird, sollten diese Faktoren so gut wie möglich vermieden werden. Verzichten Sie auf stundenlange laute Musik durch Kopfhörer und achten Sie bei arbeitsbedingtem Lärm auf einen guten Hörschutz.