Österreichweit sind Schätzungen zufolge etwa 5 % der Menschen betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer. Bei älteren Menschen ab 80 Jahren ist die Verteilung ausgewogen. Bei der Harninkontinenz gibt es verschiedene Formen, die häufigste ist die sogenannte Stress- oder Belastungsinkontinenz. Die Harninkontinenz-Ursachen sind vielfältig. Die Bandbreite an Therapien richtet sich nach der Art der Harninkontinenz und reicht von Beckenbodentraining bis hin zu medikamentöser und operativer Therapie.
Zusammenfassung
- Inkontinenz bezeichnet den unkontrollierten Verlust der Harn- oder Stuhlkontrolle.
- Die Ursachen sind vielfältig, darunter altersbedingte Veränderungen, Schwangerschaft, neurologische Erkrankungen und mehr.
- Die Diagnose erfolgt durch medizinische Untersuchungen und Tests.
- Die Behandlung umfasst Lebensstiländerungen, Beckenbodentraining, Medikamente und möglicherweise chirurgische Eingriffe.
Inkontinenz im Überblick
| Art | Ungewollte Ausscheidung von Urin |
|---|---|
| Ursachen | Überaktive Blase, nicht intakter Schließmuskel, "defekte" Schaltzentrale im Gehirn aufgrund neurologischer Erkrankungen |
| Symptome | Probleme beim Erkennen, kontrollieren, steuern, willkürlichen entleeren und unterdrücken des Harndrangs |
| Diagnose | Anamnese, körperliche Untersuchung, medizinische Tests |
| Therapie | Nicht-medikamentöse Therapien (z.B. Blasentraining), medikamentöse Therapien, operative Maßnahmen |
FAQ (Häufige Fragen)
Welche Arten von Inkontinenz gibt es?
Man unterscheidet vier Arten von Harninkontinenz, die auch kombiniert auftreten können: Belastungsinkontinenz, Dranginkontinenz, Mischinkontinenz, Überlaufinkontinenz
Welche Krankheit führt zu Inkontinenz?
Neben einer Überaktivität der Blase oder einem nicht intakten Schließmuskel kann auch die Schaltzentrale im Gehirn "schuld" daran sein, wenn eine Inkontinenz auftritt. Neurologische Blasenentleerungsstörungen können verschiedene Ursachen haben, wie Schlaganfall, Querschnittslähmung, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose, etc.
Was kann man gegen Inkontinenz tun?
Zur Behandlung stehen je nach Ursache und Form der Harninkontinenz verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
- Nicht medikamentöse Therapie (Blasentraining, Beckenbodentraining, Biofeedback)
- Medikamentöse Therapie
- Operative Maßnahmen
Video: Wenn plötzlich nichts mehr hält: Inkontinenz, was nun?
Inkontinenz ist immer noch ein Tabuthema, obwohl viele Menschen davon betroffen sind. Welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und was man als betroffene Person selbst tun kann, erklären OA Dr. Michael Rutkowski und Adelheid Anzinger, DKGP. (Webinar, 3.10.2022)
Die exakte Häufigkeit festzustellen, ist schwierig, da Statistiken nicht einheitlich durchgeführt werden und auf Befragungen beruhen. Zudem handelt es sich bei Inkontinenz um ein schambehaftetes Thema.
Es wird geschätzt, dass in Österreich etwa 5 % der Bevölkerung von einer Art von Inkontinenz betroffen sind, Frauen dabei häufiger als Männer.
Unsere Harnblase hat im Wesentlichen zwei Aufgaben:
- Sie speichert den Harn.
- Sie entleert den Harn während der Entleerungsphase.
Die Harnblase (medizinisch "Detrusor") ist ein Hohlmuskel, der mit einer speziellen Schleimhaut ausgekleidet ist. Der Schließmuskel (medizinisch "Sphinkter") umgibt den Blasenausgang und garantiert so, dass ein Entleeren nur dann möglich ist, wenn wir das auch möchten.
In der Speicherphase füllt sich die Harnblase mit Urin. Bei einer erfolgreichen Blasenentleerung zieht sich der Hohlmuskel zusammen und der Schließmuskel öffnet sich gleichzeitig. Der Speichervorgang erfolgt ohne großen Druck, die Blase bleibt entspannt. Funktioniert aber der Schließmuskel nicht mehr oder wird die Blase überaktiv, kommt es zu ungewolltem Harnverlust, man spricht von "Inkontinenz".
Neben einer Überaktivität der Blase oder einem nicht intakten Schließmuskel kann auch die Schaltzentrale im Gehirn "schuld" daran sein, wenn eine Inkontinenz auftritt. Zwischen Gehirn und Harnblase besteht eine Nervenverbindung über das Rückenmark. Erreicht die Flüssigkeitsmenge in der Blase etwa 300 ml, schickt die Blase an das Gehirn über Nervenbahnen Signale, die darauf hinweisen, dass die Blase zu entleeren ist.
Im Falle einer gesunden Funktion von Schaltzentrale und Harnblase kann man den Harndrang:
- kontrollieren
- erkennen
- steuern
- die Blase willkürlich entleeren
- den Drang auch eine Zeit lang unterdrücken
Sind jedoch Schaltzentrale oder Nervenbahnen aufgrund von neurologischen Erkrankungen defekt, kann es sein, dass auch die Signale zum Entleeren bzw. Nicht-Entleeren nicht mehr funktionieren. Neurologische Blasenentleerungsstörungen können verschiedene Ursachen haben, wie Schlaganfall, Querschnittslähmung, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose, etc.
Weitere Erkrankungen, die das Risiko für eine Inkontinenz erhöhen können, sind:
- Lungenerkrankungen wie chronische Bronchitis oder chronischer Husten
- Diabetes mellitus
- Blasenentzündung
- Vergrößerte Prostata
Sonstige Ursachen für Inkontinenz:
- Psychische Belastungen z.B. Stress
- Schwangerschaft und Geburt: Beckenboden-Muskulatur wird stark beansprucht
- Nach medizinischen Eingriffen z.B. Gebärmutterentfernung, Prostataentfernung
- Medikamente z.B. Diuretika, Opioide, Anticholinergika, Muskelrelaxantien
Wussten Sie, dass... ?
... das Risiko für die Entstehung einer Harninkontinenz mit zunehmendem Alter steigt? Grund dafür ist, dass gewisse Begleiterkrankungen im Alter häufig auftreten. Die häufigste Form bei älteren Menschen ist die Drang-Inkontinenz. Lesen Sie hier mehr dazu!
Man unterscheidet vier Arten von Harninkontinenz, die auch kombiniert auftreten können:
| Belastungsinkontinenz | Häufigste Form der Harninkontinenz, bei der die Harnröhre zu schwach ist, um dem Druck der Blase standzuhalten. Da sich beim Lachen oder Husten der Druck im Bauchraum kurzfristig stark erhöht, kann es zum Austritt kleiner Harnmengen kommen. |
|---|---|
| Dranginkontinenz | Ihre Ursache liegt in einer Überfunktion des Harn-Blasenmuskels. Das ist jener Muskel, der aktiviert wird, wenn wir den Harn aus der Blase ausscheiden wollen. Zieht sich dieser Muskel zusammen, verspüren die Betroffenen einen starken Harndrang und es kann zu unwillkürlichem Harnverlust kommen, noch ehe man die Toilette erreicht hat. |
| Mischinkontinenz | Eine Kombination aus Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz wird als Mischinkontinenz bezeichnet. Dabei kommt es zu häufigem und verstärktem Harndrang. Auch bei körperlicher Belastung kann es zu Harnverlust kommen. |
| Überlaufinkontinenz | Chronische Harnretention mit Inkontinenz. Das Typische an der Überlaufinkontinenz: Die Blase ist voll und entleert sich aber nur "tröpfchenweise", d. h. der Betroffen:e kann trotz Harndrangs die Blase nicht entleeren. |
Die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz sind die am häufigsten auftretenden Arten der Inkontinenz.
Inkontinenz im Schlaf: Eine Sonderform der Inkontinenz ist die Enuresis nocturna. Das sind unfreiwillige Blasenentleerungen während des Schlafes, von der meist Kinder ab dem 5. Lebensjahr betroffen sind, aber auch 1 % der Erwachsenen. Diese Form des unfreiwilligen Harnverlustes tritt häufig aufgrund einer Reifungsstörung der noch nicht ganz ausgereiften Nervenstrukturen auf. Bei Erwachsenen kann diese Reifestörung genetisch bedingt sein. Weitere Ursachen für die Enuresis können psychische Faktoren, aber auch genetische Faktoren oder ein nicht ausgereiftes Weckzentrum sein.
Mehr zum Thema: Bettnässen bei Kindern » Was sind die Gründe?
Inkontinenz bei Frauen
Dass Frauen deutlich häufiger an Inkontinenz leiden als Männer, liegt in ihrer Natur: Schwangerschaft, Geburten, eine mit den Jahren erschlaffende Muskulatur des Beckenbodens und hormonelle Faktoren sind die häufigsten Ursachen. Außerdem spielt auch der weibliche Körperbau eine Rolle: Die Beckenbodenmuskulatur wird dreimal unterbrochen – durch Harnröhre, Scheide und Darmausgang. Zudem ist die Harnröhre nur 3-4 Zentimeter lang, weshalb Krankheitskeime auch schneller in die Blase gelangen. Eine Blasenentzündung ist häufig die Folge.
Inkontinenz bei Männern
Die männliche Blase liegt zwischen Schambein und Enddarm. Mit 25 Zentimetern ist die Harnröhre deutlich länger als bei Frauen. Weiters ist die Harnröhre umgeben von der Prostata, die sich im Laufe der Zeit vergrößern kann. Dies kann Beschwerden hervorrufen, da sie zu einer Verengung der Harnröhre führen und damit die Blasenentleerung erschweren kann. Betroffene leiden häufig an einer überaktiven Blase und auch Restharnbildung.
Von Belastungs- und Dranginkontinenz sind vor allem Männer betroffen, die an einer Verletzung des Schließmuskels leiden oder die an der Prostata operiert wurden. In diesem Fall kann eine Schließmuskelschwäche, z. B. nach einer Prostatakrebs-Operation, zu einer Belastungsinkontinenz führen. Unmittelbar nach der Operation ist das Leiden stark manifest, klingt aber in der Regel innerhalb eines Jahres ab.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für die Entstehung einer Harninkontinenz – sowohl für Frauen als auch für Männer. Grund dafür ist, dass gewisse Begleiterkrankungen im Alter häufig auftreten. Die häufigste Form bei älteren Menschen ist die Drang-Inkontinenz, die hauptsächlich drei Ursachengruppen aufweist:
- Neurologische Erkrankungen (wie Multiple Sklerose, Demenz/Alzheimer): Die Schaltzentrale im Gehirn funktioniert nicht mehr so wie früher. Die Kontrolle über die Blase geht verloren.
- Krankhafte Prozesse im unteren Harntrakt, wie etwa chronische Blasenentzündung, Blasensteine, Tumore oder eine vergrößerte Prostata.
- Die Alterung der Blase
Auch eine Überlauf-Inkontinenz tritt bei vielen Menschen in Altenheimen auf. Ursache dafür ist eine schwache Blase oder ein erhöhter Widerstand am Ausgang der Harnblase. So kann etwa eine vergrößerte Prostata am Ausgang der Blase die Harnröhre beeinträchtigen.
Bei einer Harninkontinenz ist die richtige Ansprechpartner:in die Hausärzt:in oder die Urolog:in/Gynäkolog:in. In einem Ärzt:in-Patient:in-Gespräch fragt die Ärzt:in:
- seit wann die Beschwerden bestehen,
- wie oft und wie stark die Inkontinenz besteht,
- ebenso nach Erkrankungen und Operationen
- und über die derzeitige Einnahme von Medikamenten.
Einige Erkrankungen und Operationen haben Auswirkungen auf die Blasen- oder Darmfunktion. Es ist für die Ärzt:in sehr wichtig, von dieser Vorgeschichte zu erfahren. Als Basis für die Befragung kann auch eine Dokumentation dienen, das sogenannte Miktionsprotokoll. Mithilfe dieser Aufzeichnungen erhält die Ärzt:in Informationen über die Blasenentleerungsgewohnheiten und die Blasenfüllmengen.
Die nächsten Schritte in der Diagnostik sind:
- eine körperliche Untersuchung (Untersuchung des Unterbauchs, bei Frauen eine gegebenenfalls eine gynäkologische Untersuchung)
- ein Harnbefund durch das Labor
- Restharnbestimmung (erfolgt schmerzfrei durch Ultraschall)
Bei verdächtigen Erstbefunden sind evtl. eine Blasenspiegelung, Harnflussmessung oder eine Blasendruckmessung erforderlich.
Mehr zum Thema: Ultraschall » Wie erfolgt die Untersuchung?
Beim ersten Tropfen unfreiwilligen Harnverlustes sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Werden die Symptome frühzeitig behandelt, können sie oft schon sehr rasch zum Abklingen gebracht werden.
Zur Behandlung stehen je nach Ursache und Form der Harninkontinenz verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
- Nicht medikamentöse Therapie
- Medikamentöse Therapie
- Operative Maßnahmen
Nicht medikamentöse Therapie
| Blasentraining: | Beim Blasentraining werden neue Verhaltensmuster trainiert und geübt, den Toilettengang zu einem bestimmten Zeitpunkt einzuhalten. Tritt überfallsartig Harndrang auf, so sollte der Betroffene nicht zur Toilette eilen, sondern versuchen, durch Konzentration und Anspannen des Beckenbodens den Drang zu überwinden. Die Welle des Dranges ebbt normalerweise nach etwa 20 Sekunden wieder ab. Erst dann sollte man zur Toilette gehen. |
|---|---|
| Beckenbodentraining: | Mithilfe einer Physiotherapeut:in und speziellen Übungen lernen Patient:innen beim Beckenbodentraining die Beckenbodenmuskulatur anzuspannen und zu entspannen. Die Muskulatur wird dabei gestärkt. Wichtig ist es, zu lernen, den richtigen Muskel zur richtigen Zeit anzuspannen. |
| Biofeedback: | Biofeedback misst körperliche Veränderungen (durch Hautelektroden oder Sonden in der Vagina oder im Anus) einer trainierenden Person und gibt diese Informationen als Feedback zurück. Bei Harninkontinenz hat sich die Methode als hilfreich erwiesen. Vor allem in Kombination mit Beckenbodentraining ist Biofeedback effizient. Elektrostimulation wird meist bei Belastungs-, Drang- und Mischinkontinenz angewendet. Dabei wird der Beckenboden durch Elektrostimulation in Kontraktionen versetzt. |
Medikamentöse Therapie
Eine Reihe von Medikamenten ermöglicht es, dass der Drang steuerbarer und kontrollierbarer wird. Medikamente sollten aber nie allein verabreicht werden, sondern immer in Kombination mit einem Blasentraining. Häufig eingesetzte Medikamente sind z.B. Anticholinergika oder Duloxetin. Auch Botulinum-Toxin kann zum Einsatz kommen.
Operative Maßnahmen
Sollten alle anderen Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen, kann auch ein operativer Eingriff in Erwägung gezogen werden. Eine häufig durchgeführte Therapie-Option bei einer Belastungsinkontinenz ist z.B. die "Schlingen-Operation", bei der minimal-invasiv eine künstliche Schlinge um einen bestimmter Bereich der Harnröhre gelegt wird, um diesen zu unterstützen und zu stabilisieren.
Was Betroffene einer Inkontinenz selbst tun können, betreffen vor allem Änderungen des Lebensstils:
- Übergewicht reduzieren, da es einen erhöhten Druck auf den Beckenboden ausübt
- Harntreibende Getränke (wie Kaffee, Schwarztee, Alkohol oder kohlensäurehaltige Getränke) und sehr scharfe oder saure Speisen meiden
- Rauchverzicht, da Rauchen zur Entstehung einer Inkontinenz beitragen kann und auch der Raucherhusten erhöhten Druck auf den Beckenboden verursacht
- Genug trinken: Definitiv keine gute Idee ist es, weniger zu trinken. Die Überlegung, dass man seltener auf die Toilette muss, indem man weniger Flüssigkeit zu sich nimmt, geht nicht auf. Wenn der Körper zu wenig Wasser erhält, ist der Urin stark konzentriert und reizt die Niere. In der Folge muss der Betroffen:e sogar noch öfter auf die Toilette.
Hygieneprodukte für mehr Sicherheit
Zusätzlich helfen Hygieneprodukte, wie Einlagen oder Inkontinenzhosen, dem Betroffenen bei der Bewältigung des Alltags. Diese Hilfsmittel gibt es inzwischen in vielen Ausführungen. Sie sind in verschiedenen Größen und Saugstärken verfügbar, bieten einen hohen Tragekomfort, sind geruchsneutral und vor allem diskret.
Da das Risiko für Inkontinenz mit zunehmendem Alter steigt, ist die Vermeidung von Risikofaktoren sowie generell die geistige und körperliche Fitness eine ausgezeichnete Prophylaxe.
Blasenbeschwerden – Wie stark sind Sie betroffen?
- Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (09.03.2021)
- Leitlinien Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) (09.02.2021)
- DocCheck Flexikon: Inkontinenz (12.01.2026)
- Universitätsklinikum Jena: Harninkontinenz (12.01.2026)
- Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs: Harninkontinenz (12.01.2026)
- Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreichs: Was ist Harninkontinenz? (12.01.2026)
- Fonds Soziales Wien: Inkontinenz, Ursachen & Hilfe (12.01.2026)