Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen

Zuletzt aktualisiert am 4. Juni 2020

Bub packt anderen Buben am Kragen und wirkt sehr aggressiv.
Ist ein Kind sehr häufig aggressiv zu anderen, kann ein Psychiater helfen, dieses Problem zu lösen.
© STUDIO GRAND QUEST / Fotolia.com

Medikamente in der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben in den letzten Jahren einen immer höheren Stellenwert erreicht, auch wenn die Anzahl der Verschreibungen in Österreich insgesamt stabil geblieben ist. 

Medizinische Expertise
Christian Kienbacher

Dr. Christian Kienbacher

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie Wien Floridsdorf

www.kinderundjugendpsychiatrie.at

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Inhaltsverzeichnis

Bis zu 20% aller Kinder und Jugendlichen zeigen Auffälligkeiten in ihrem Verhalten, ihrer Emotionalität oder haben Teilleistungsprobleme. Bei 10% der Minderjährigen ist eine psychische Störung soweit fortgeschritten, dass eine Behandlung unbedingt notwendig ist. Als Behandlungsmöglichkeit stehen nicht-medikamentöse – also Psychotherapie, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie und pädagogische – Maßnahmen, und wenn diese allein nicht ausreichend sind, eine medikamentöse Therapie (Psychopharmaka) im Rahmen einer kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung zu Verfügung.

Ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte aufgesucht werden, wenn...

  • das Kind seine Emotionen nicht regulieren kann

  • es des Öfteren in Konflikten mit anderen gerät

  • das Kind sich über längeren Zeitraum nicht konzentrieren kann

  • das Kind ständig in Bewegung ist und unruhig ist

  • es nicht mehr einschlafen kann
  • 
es sich selbst verletzt
es oftmals über Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen klagt

  • es Kontaktschwierigkeiten mit Gleichaltrigen hat, gehänselt oder isoliert wird
  • Suchtmittel, wie Alkohol oder andere Drogen, ein Problem darstellen

  • es sein Essverhalten ändert

Wird eine Diagnose gestellt, erfolgt die Erstellung eines Behandlungsplanes. Dieser beginnt fast immer mit nicht-medikamentösen Verfahren, wie zum Beispiel einer Psychotherapie. Damit eine Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen, Essstörungen oder ADHS, erfolgreich sein kann, werden die Eltern und der Minderjährige behutsam und umfassend in den Behandlungsplan mit einbezogen.

Es werden die Therapieziele, die Vor- und Nachteile, aber auch Alternativen besprochen. Entscheidet der behandelnde Arzt, dass die nicht-medikamentöse Therapie allein nicht ausreichend ist, kann es zusätzlich zu einer medikamentösen Therapie kommen. Dabei werden die Eltern genau über die Dosierung des jeweiligen Medikamentes, sowie über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt.

Hauptsächlich werden Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen mit folgenden psychischen Erkrankungen eingesetzt:

Oft meiden Familien, möglicherweise aus Unkenntnis oder Scham, den Gang zum Arzt oder können sich die hohen Selbstbehalte für nicht-medikamentöse Therapien nicht leisten. Leider gibt es nicht ausreichend Therapieplätze auf Kassenleistung für die notwendigen Behandlungen. Nur etwa 1/3 der Betroffenen erhält deshalb die angezeigte professionelle Hilfe. Erfahrungsgemäß haben dabei die Lehrer der Kinder und Jugendlichen eine entscheidende Rolle, wenn es um das Erkennen von psychischen Problemen geht.

Mehr lesen » Wenn Kinder Angst haben

Kinder und Jugendliche können – ebenso wie Erwachsene – in Situationen kommen, bei denen sie psychiatrische Hilfe benötigen. Es wird geschätzt, dass in Österreich bis zu 15 % der Kinder und Jugendlichen Angstsymptome zeigen (z.B. Trennungsangst, Angst vor Tieren, Angst vor Zahnarzt) und mehr als 10% Störungen ihres Sozialverhaltens aufweisen. Auch Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, ADHS oder Konversionsstörungen können bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Essstörungen, Süchte oder Zwangsstörungen können ebenfalls den Alltag der Minderjährigen beeinträchtigen. Insgesamt wird geschätzt, dass bis zu 20% der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten zeigen.

Entscheidet der behandelnde Kinder- und Jugendpsychiater, dass eine nicht-medikamentöse Therapie allein nicht ausreichend ist, kann er auf Medikamente aus der Gruppe der Psychopharmaka zurückgreifen, welche die Behandlung unterstützen. Psychopharmaka beeinflussen verschiedene Stoffwechselvorgänge in unserem Gehirn: sie können unter anderem bei der Bildung von Botenstoffen (Neurotransmitter) wie Serotonin oder Dopamin erregend oder hemmend wirken und greifen so im Gehirn bei der Verarbeitung von Emotionen und Gefühlen ein. So wirken sie stimmungsaufhellend, beruhigend, reduzieren Stimmungsschwankungen oder erhöhen die Konzentration.

Psycho-Stimulantien und verwandte Substanzen

Um die Konzentration von Kindern und Jugendlichen mit ADHS zu steigern und den Bewegungsdrang zu verringern, werden sogenannte Psychostimulantien eingesetzt. Wirkstoffe wie Methylphenidat oder Atomoxetin können bereits ab dem 6. Lebensjahr eingenommen werden.

Antipsychotika


Antipsychotika werden meist bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt, die an Schizophrenie erkrankt sind oder Impulskontrollstörungen, wie aggressives und impulsives Verhalten oder Wutausbrüche, aufweisen. Auch bei ADHS, Tic Störungen, Autismus kommen diverse Wirkstoffe der Gruppe der Antipsychotika zum Einsatz.

Antidepressiva

Psychopharmaka aus der Gruppe der Antidepressiva werden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei vielen Erkrankungen verordnet: so werden sie unter anderem in der Behandlung von depressiven Erkrankungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Bulimie oder Bettnässen eingesetzt.

Phasenprophylaktika

Diese Medikamente kommen bei der manisch-depressiven Erkrankung zum Einsatz, zu ihnen zählen die Antiepileptika und die Antipsychotika.

Beruhigungsmittel

Ihr Einsatzgebiet sind psychiatrische Notfälle und massive Angstattacken. Ihr Einsatz muss zeitlich begrenzt sein, da sich bei dieser Gruppe von Psychopharmaka auch eine Medikamentensucht entwickeln kann.

Wie lange und welche Therapie schließlich zum Einsatz kommt, ist von der Art der psychiatrischen Erkrankung und vom individuellen Verlauf abhängig. Einige Wirkstoffe zeigen erst nach einigen Tagen oder Wochen einen Erfolg, Kontrollen beim Kinder- und Jugendpsychiater sind während der gesamten Behandlung mit Psychopharmaka in bestimmten Abständen notwendig. Auch können regelmäßige Kontrollen des Blutbildes und des EKGs erfolgen.

  • 
Welche Wirkungen sind beim Medikament erwünscht?
  • Welche möglichen Nebenwirkungen und Risiken können auftreten?
  • 
Welche Untersuchungen müssen regelmäßig durchgeführt werden
?
  • Welche Therapiealternativen (Vor- und Nachteile) stehen zu Verfügung
?
  • Was muss bei Schul- und Freizeitaktivitäten beachtet werden
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Muss etwas beim Thema Ernährung und Sexualität beachtet werden (Gewicht, Verhütung etc.)?
  • Muss etwas bei der Ernährung umgestellt werden?
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Ändert sich etwas im Schlaf- und Wach-Rhythmus
?
  • Muss etwas im Straßenverkehr beachtet werden (Führerschein etc.)
?
  • Verändern die Psychopharmaka meine Persönlichkeit?
  • Kann ich nach diesen Medikamenten süchtig werden
?
  • Wie gestaltet sich das Absetzen der Medikamente?

Zeigen Kinder oder Jugendliche psychische Auffälligkeiten soll der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgesucht werden. Da es in Österreich aber zu wenig Kinder- und Jugendpsychiatrische Ordinationen, Ambulatorien und Krankenhäuser gibt, wird oft zuerst ein Kinderarzt aufgesucht um die Probleme mit ihm zu besprechen.

In weiterer Folge kann er an einen Facharzt für Kinderpsychiatrie verweisen. Dabei wird in einem ausführlichen Gespräch die Vorgeschichte erhoben und genauere Untersuchungen, wie Blutuntersuchungen oder ein EKG, veranlasst. Die Therapiemöglichkeiten sind vielfältig wie die psychischen Erkrankungen und werden an die jungen Patienten individuell angepasst.

Fehlende Zulassung

Wenige der verordneten Psychopharmaka haben eine Zulassung für Kinder: Weil Zulassungsstudien bei Minderjährigen sehr aufwendig und in dieser Altersgruppe nicht die entsprechenden Absätze zu erwarten sind, haben die meisten Hersteller nie eine Zulassung für diese Altersgruppe beantragt. Bis zu 40 % der verschriebenen Psychopharmaka wurden in den letzten Jahren außerhalb der eigentlichen Zulassung eines Medikamentes bei Kindern verordnet.

Der Unterschied im rascheren Stoffwechsel und der Wirksamkeit von Medikamenten, aber auch von Nebenwirkungen, macht die Behandlung bei Minderjährigen zu einer Herausforderung und sollte vom Kinder- und Jugendpsychiater durchgeführt werden. Auch wenn es Vorbehalte über die Einnahme von Psychopharmaka geben sollte, sind sie besser als ihr Ruf. Veränderungen in den Zulassungsbestimmungen (Pharmaunternehmen müssen sich bei Antragstellung auch auf Minderjährige beziehen) von Medikamenten sollen in den nächsten Jahren zu einer besseren Datenlage bei Kindern führen.

Rechtliche Besonderheiten

Da Kinder und Jugendliche noch nicht selbstbestimmt über eine Behandlung entscheiden dürfen, muss immer der Erziehungsberechtige eingebunden werden. Außerdem finden die altersgemäße Aufklärung und das Arztgespräch zwischen einem minderjährigen Patienten, seinem Arzt und seinem Erziehungsberechtigten statt. Da viele Medikamente nur für Erwachsene zugelassen sind muss der behandelnde Arzt über diesen Umstand und mögliche Therapiealternativen informieren. Viele alte Psychopharmaka sind zwar für Minderjährige zugelassen und würden eine therapeutische Alternative darstellen, zeigen aber oft häufigere und schwerere Nebenwirkungen.

Die Kosten für die Therapie mit Psychopharmaka übernimmt in der Regel die Krankenkasse und es ist nur die Rezeptgebühr zu bezahlen.

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Redaktionelle Bearbeitung:
Medizinisches Review:
Zuletzt aktualisiert:

4. Juni 2020

Erstellt am:

19. Mai 2015

Stand der medizinischen Information:

4. Juni 2020


Quellen:

Veranstaltung Sommerakademie für Apotheker 27. - 29. Juni 2014: "Psychopharmaka - Fluch oder Segen"

Handbuch der Psychopharmakotherapie, G. Gründer et al, Springer Verlag, 2. Auflage, Heidelberg, 2012

Klinikmanual Kinder- und Jugendpsychiatrie, J. Fegert et al, Springer Verlag, 2. Auflage, Heidelberg, 2013

Mutschler Arzneimittelwirkungen, E. Mutschler et al, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 10. Auflage, Stuttgart, 2013

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