Kneipp-Therapie

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2020

Kneipp-Medizin: Zwei Menschen gehen barfuß durchs Wasser
Beim Kneippen geht man unter anderem durch seichtes Wasser, es gibt jedoch auch Teil- und Ganzkörperwaschungen.
© Halfpoint / Shutterstock.com

Auf 5 Säulen aufgebaut, setzt es sich die Kneipp-Medizin zum Ziel, den Körper und seine Abwehrkräfte zu stärken. Eine Anwendung ist sowohl präventiv als auch behandelnd möglich.

Medizinische Expertise
Valery Hadjiivanov

Dr. Valery Hadjiivanov

FA für Innere Medizin, Kneipparzt

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Inhaltsverzeichnis

Die Kneipp-Medizin (Kneipp-Therapie) beruht auf einem Konzept von Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und basiert auf 5 Säulen: Lebensordnung, Wasser, Bewegung, Ernährung und Pflanzenheilkunde. Ein Zusammenspiel dieser 5 Prinzipien kann sowohl als präventive, wie auch als heilende Behandlung genutzt werden. Ziel der Kneipp-Therapie ist es, den Körper abzuhärten, das Immunsystem zu stärken und eine naturnahe, ausgeglichene Lebensweise zu erreichen. Die Kneipp-Therapie ist somit ein ganzheitliches, naturheilkundliches Gesundheitskonzept. Im Rahmen eines ÖAK-Diploms werden Ärzten die Prinzipien dieser Lehre vermittelt.

Pfarrer Sebastian Kneipp hat seinem Gesundheitskonzept 5 Säulen zugrunde gelegt. Diese können individuell an den Betroffenen angepasst und unterschiedlich kombiniert werden.

Säule 1: Ordnung

Körper, Geist und Seele sollen gemäß der Kneipp'schen Philosophie im Einklang stehen und so zu einer balancierten Lebensordnung beitragen. Geraten diese natürlichen Rhythmen aus der Balance, führt dies häufig zu Funktionsstörungen, die Körper und Geist gleichermaßen betreffen. Nervosität, Angstgefühle, Kopfschmerzen, depressive Verstimmungen, Verdauungsbeschwerden oder Energielosigkeit sind mögliche Folgen einer gestörten "inneren Ordnung".

Mögliche Maßnahmen:

  • autogenes Training
  • Atemtherapie
  • Yoga
  • Muskelrelaxation
  • Bewegung
  • beruhigende Heilpflanzen
  • Wasseranwendungen
  • Sauna

Säule 2: Wasser

Wasser ist ein wichtiges Grundelement der Kneipp-Therapie. Im Rahmen von über 100 verschiedenen Wasseranwendungen (Güsse, Wickel, Bäder, Waschungen) wird die Reizfunktion und die Heilkraft des Elements (Temperatur, Druck, chemische Beschaffenheit) genützt, um im Körper bestimmte Reaktionen hervorzurufen. Wichtig ist, dass die Anwendungen und die Reizintensität individuell auf die Bedürfnisse bzw. den Zustand des Betroffenen abgestimmt werden.

Die häufigsten Wasseranwendungen:

  • Teilwaschungen
  • Teilbäder, wie etwa Sitz- oder Fußbäder
  • Wechselteilbäder
  • Kleine Güsse, Wassertreten
  • Ganzkörperwaschungen
  • Wechselgüsse an Armen, Brust oder Rücken
  • Wickel (z.B. Waden oder Arme)
  • kalte Bäder bzw. warme Bäder mit abschließender kalter Dusche

Säule 3: Bewegung

Bewegung wirkt sich auf den Körper günstig aus, wie etwa auf das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, auf die Muskulatur oder das Immunsystem. Ideal sind sanfte Ausdauersportarten:

Säule 4: Ernährung

Gesunde Ernährung enthält ausreichend Anteile an frischen Nahrungsmitteln und ist gut verträglich. Ideal ist, nach Kneipp, eine abwechslungsreiche Mischkost mit einem hohen Anteil an naturbelassenen pflanzlichen und (außer Fisch) wenig tierischen Nahrungsmitteln.

Säule 5: Heilkräuter (Phytotherapie)

Zur Kräutertherapie werden bestimmte Pflanzenteile (wie ganze Pflanzen, Wurzeln, Blätter oder Blüten) frisch, getrocknet oder als Extrakt verwendet.

Frische Pflanzen werden vor allem als Gewürze (Schnittlauch, Petersilie) oder als Salat (Löwenzahn) verwendet. Sie können auch für Auszüge (in heißem Wasser, Alkohol oder kaltem Wasser) angesetzt und als Extrakt verwendet werden.

Äußerliche Anwendung finden Kräuter vor allem als Heilbäder, zur Inhalation oder zur Zubereitung von Kompressen. Je nach Anwendung gelangen die Wirkstoffe über die Haut (Wickel, Bäder) oder die Atmung (Inhalation) in das Gewebe und in die Blutbahnen.

Innerliche Anwendungen werden als Tees angeboten.

Aufgrund ihrer vielfältigen Möglichkeiten, die je nach den individuellen Bedürfnissen des Menschen zusammengestellt werden, ist die Kneipp-Therapie bei vielen Beschwerden sinnvoll und gut verträglich, wie etwa bei

sowie als Vorsorge um

  • das Immunsystem zu stärken
  • Stresssituationen besser zu bewältigen
  • einen ausgeglichenen Lebensstil zu entwickeln

Die Kneipp-Medizin ist eine Ergänzung anderer medizinischer Bereiche. Mithilfe der Kneipp-Therapie werden körpereigene Reize stimuliert, die Ihre Selbstheilungskräfte aktivieren. Sie werden somit "von innen" gestärkt und geheilt. Dies erfolgt z.B. durch unterschiedliche Wasseranwendungen, wie "Wassertreten" oder Güsse, auch warme Bäder rufen einen Reiz hervor und führen zur Entspannung. Die Reaktionen finden im vegetativen Nerven- sowie im Immunsystem statt. Die Art der Reize wird vom behandelnden Arzt sorgfältig ausgewählt, er richtet sich dabei nach der Arndt-Schulz-Regel, die besagt, dass

  • zu geringe Reize den Körper schwächen
  • an den Betroffenen gut angepasste Reize stärken
  • zu starke Reize dem Körper schaden können

Eine Kneippkur mit individuell auf Ihre Bedürfnisse abgestimmten Anwendungen dauert etwa 3 bis 4 Wochen. Da die Kneipp’sche Lehre einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, wirkt es sich positiv auf die Gesundheit aus, dieses Konzept auch längerfristig zu übernehmen.

Eine Kneipp-Therapie sollten Sie nicht durchführen, wenn Sie an akuten Infekten laborieren (z.B. Harnwegsinfekte, Unterleibsinfekte), bei krampfartigen Zuständen oder Angina pectoris.

Die Kneipp-Therapie wird von speziell ausgebildeten Ärzten durchgeführt. Diplom-Ausbildungen, die die 5 Säulen der Kneipp-Naturmedizin enthalten, bietet die Österreichische Ärztekammer an.

Wichtig ist, dass Sie die Therapie konsequent durchführen. Das bedeutet, Sie sollten sich entsprechend Zeit nehmen, eventuell den gesamten Lebensstil neu zu überdenken und alte Gewohnheiten loszulassen. Die Kneipp-Therapie ist eine ganzheitliche Methode in unterschiedlichen Therapie-Kombinationen. Nicht immer sind positive Reaktionen sofort spürbar. Geduld und der Wille, selbstbestimmt etwas für die eigene Gesundheit zu tun, sind eine wichtige Ausgangsbasis.

Zur Behandlung von akuten Erkrankungen, zur Heilung von bösartigen Tumoren oder psychischen Erkrankungen eignet sich die Kneipp-Therapie nicht.

Die Österreichischen Krankenkassen übernehmen generell die Kosten für eine Kneipp-Behandlung nicht. Je nach Indikation und Bundesland gibt es auf Antrag aber Kostenbeteiligungen. Einige private Versicherer haben die Kneipp-Therapie in ihr Leistungsspektrum aufgenommen.

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