Narzissmus (Narzisstische Persönlichkeitsstörung)

Mann küsst sein eigenes Spiegelbild
Betroffene zeigen u.a. ein überhöhtes Selbstbild und ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung.
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Selbstbezogen, bewunderungsbedürftig und wenig einfühlsam – so werden Menschen mit narzisstischen Zügen häufig beschrieben. Hinter dem Begriff "Narzissmus" verbirgt sich jedoch mehr als nur eine Charaktereigenschaft: Er kann auch Ausdruck einer komplexen psychischen Störung sein.

Medizinische Expertise

Katharina Schuldner

Mag. Katharina Schuldner

Psychotherapeutin (GTP), Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin
Högelmüllergasse 1B, 1050 Wien
www.narzissmus.at
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Inhaltsverzeichnis

Wichtig ist: Narzissmus ist nicht grundsätzlich krankhaft. Bestimmte Eigenschaften wie Selbstvertrauen oder Durchsetzungsfähigkeit können gesunde Persönlichkeitsanteile darstellen und sollten nicht vorschnell mit Narzissmus gleichgesetzt werden.

Zusammenfassung

  • Narzissmus beschreibt sowohl eine Persönlichkeitseigenschaft als auch eine psychische Störung.
  • Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch Grandiosität, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und eingeschränkte Empathie.
  • Die Ausprägung kann unterschiedlich sein (z. B. eher offen-grandios oder verletzlich-zurückgezogen).
  • Betroffene suchen meist erst bei Krisen oder auf Druck von außen Hilfe.
  • Psychotherapie kann helfen, Denk- und Verhaltensmuster langfristig zu verändern.

Narzissmus im Überblick

Art Persönlichkeitsstörung
Ursachen Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren
Symptome Grandiosität, Bedürfnis nach Bewunderung, eingeschränkte (v. a. emotionale) Empathie, Kränkbarkeit
Diagnose Nach DSM-5 sowie ICD-10 bzw. ICD-11
Therapie Psychotherapie (z. B. psychodynamisch, Verhaltenstherapie, Schematherapie)

FAQ (Häufige Fragen)

Wie merkt man, dass jemand ein Narzisst ist?

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zeigen häufig ein überhöhtes Selbstbild (Grandiosität), ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung, Anspruchsdenken und Erwartung besonderer Behandlung sowie Schwierigkeiten, sich emotional in andere hineinzuversetzen.

Sind Narzissten psychisch krank?

Narzissmus ist nicht grundsätzlich krankhaft. Nicht jeder Mensch mit narzisstischen Eigenschaften hat eine Persönlichkeitsstörung. Erst wenn solche Merkmale als überdauerndes und tief verwurzeltes Muster im Erleben und Verhalten auftreten und zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag, in Beziehungen oder in anderen wichtigen Lebensbereichen führen, spricht man von einer Störung.

Ist Narzissmus heilbar?

Psychotherapie kann helfen, Denk- und Verhaltensmuster langfristig zu verändern. Zentrale Ziele sind die Stabilisierung der Selbstwertregulation, die Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen sowie langfristig auch eine differenziertere Wahrnehmung eigener und fremder Gefühle.

Der Begriff "Narzissmus" geht auf die Figur Narziss aus der griechischen Mythologie zurück, die sich in ihr eigenes Spiegelbild verliebt.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung beschreibt ein dauerhaftes Muster von überhöhtem Selbstbild (Grandiosität), starkem Bedürfnis nach Bewunderung und eingeschränkter Empathie. Häufig liegt eine instabile Selbstwertregulation zugrunde: Nach außen wirken Betroffene selbstsicher, innerlich besteht jedoch oft eine ausgeprägte Verletzlichkeit.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung kommt in der Allgemeinbevölkerung vergleichsweise selten vor (Schätzungen liegen etwa im Bereich von 1–6 %). Da Betroffene oft nicht von sich aus Behandlung aufsuchen, bleibt ein Teil der Fälle möglicherweise unerkannt.

In der klinischen Praxis werden unterschiedliche Erscheinungsformen beschrieben, die jedoch keine eigenständigen Diagnosen darstellen:

  • Grandios-offene Ausprägung: selbstsicheres, dominantes Auftreten, starkes Bedürfnis nach Bewunderung
  • Vulnerabel-verdeckte Ausprägung: empfindlich, leicht kränkbar, unsicher, aber stark auf sich selbst bezogen

Diese Formen können sich überschneiden und im Verlauf verändern.

Die Entstehung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist nicht vollständig geklärt. Es wird von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausgegangen:

  • genetische Veranlagung
  • frühe Beziehungserfahrungen
  • Umgang mit Lob, Kritik und Leistung in der Kindheit
  • emotionale Entwicklung und Bindungserfahrungen

Sowohl übermäßige Idealisierung als auch emotionale Vernachlässigung in der Kindheit werden als mögliche Einflussfaktoren diskutiert.

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zeigen häufig:

  • ein überhöhtes Selbstbild (Grandiosität)
  • starke gedankliche Beschäftigung mit Erfolg, Macht oder Anerkennung
  • ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewunderung
  • Schwierigkeiten, sich emotional in andere hineinzuversetzen
  • Abwertung anderer zur Stabilisierung des eigenen Selbstwerts
  • hohe Kränkbarkeit bei Kritik
  • Anspruchsdenken und Erwartung besonderer Behandlung
  • zwischenmenschliche Schwierigkeiten

Trotz nach außen wirkender Stärke besteht häufig eine instabile Selbstwertregulation.

Im Umgang mit anderen können wiederkehrende, belastende Muster entstehen, z. B.:

  • starke Idealisierung und anschließende Abwertung
  • Schwierigkeiten, Verantwortung für eigenes Verhalten zu übernehmen
  • Konflikte durch hohe Erwartungen und eingeschränkte Empathie

Der Begriff "narzisstischer Missbrauch" wird insbesondere im Kontext von Psychotherapie und Psychoedukation verwendet, um belastende Beziehungserfahrungen im Umgang mit stark narzisstisch geprägten Personen zu beschreiben. Eine einheitliche medizinische Definition gibt es bislang jedoch nicht.

Die Diagnose erfolgt durch Fachpersonen (Psychiater:innen oder Psychotherapeut:innen) anhand internationaler Klassifikationssysteme wie dem DSM-5 oder der ICD-11.

Nicht einzelne Verhaltensweisen sind entscheidend, sondern ein überdauerndes, tief verwurzeltes Muster im Erleben und Verhalten, das das Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln prägt. Dieses Muster besteht über längere Zeit, zeigt sich in verschiedenen Lebensbereichen und führt zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag oder in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Während das DSM-5 überwiegend mit klar definierten Diagnosekriterien arbeitet, enthält es zusätzlich ein dimensionales Modell, das Persönlichkeitsstörungen anhand von Schweregrad und Persönlichkeitsmerkmalen beschreibt.

Die ICD-11 verfolgt dagegen primär einen dimensionalen Ansatz: Persönlichkeitsstörungen werden nach ihrem Schweregrad (leicht, mittel, schwer) sowie nach zugrunde liegenden Persönlichkeitsmerkmalen eingeordnet. Damit unterscheidet sie sich deutlich von der früheren ICD-10, die – ähnlich wie ältere DSM-Versionen – stärker kategorial aufgebaut war.

Zur Behandlung kommen verschiedene psychotherapeutische Verfahren zum Einsatz:

Zentrale Ziele sind die Stabilisierung der Selbstwertregulation, die Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen sowie langfristig auch eine differenziertere Wahrnehmung eigener und fremder Gefühle.
Viele Betroffene suchen erst dann Hilfe, wenn es zu Krisen kommt, etwa durch Beziehungsprobleme oder berufliche Schwierigkeiten.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung verläuft in der Regel langfristig und ist durch relativ stabile Muster im Erleben und Verhalten gekennzeichnet. Gleichzeitig ist sie nicht unveränderlich: Durch Psychotherapie können sich insbesondere die Selbstwertregulation sowie zwischenmenschliche Beziehungsmuster im Verlauf verbessern.

Häufig treten zusätzlich andere psychische Erkrankungen auf (sogenannte Komorbiditäten), insbesondere:

Der Umgang mit Menschen mit stark narzisstischen Mustern kann emotional belastend und widersprüchlich sein. Häufig entstehen Dynamiken, die zwischen Nähe und Distanz sowie Idealisierung und Abwertung schwanken.

Im Umgang damit können folgende Grundprinzipien hilfreich sein:

Zentrale Grundprinzipien

  • eigene Grenzen klar wahrnehmen und kommunizieren
  • die eigene Wahrnehmung ernst nehmen
  • sich nicht in konflikthafte oder entwertende Dynamiken hineinziehen lassen
  • realistische Erwartungen entwickeln
  • auf Selbstfürsorge und eigene Stabilität achten

In besonders belastenden Situationen

Wenn die Beziehung stark konflikthaft oder dauerhaft belastend ist, können zusätzliche Schritte sinnvoll sein:

  • Distanz schaffen oder Kontakt bewusst reduzieren
  • klar und konsistent kommunizieren
  • keine Verantwortung für das Verhalten der anderen Person übernehmen
  • eigene Sicherheit und Stabilität priorisieren

In belastenden Situationen kann es sinnvoll sein, Unterstützung durch vertraute Personen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die eigene Situation besser einzuordnen und einen stabileren Umgang damit zu entwickeln.


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Redaktionelle Bearbeitung:

Medizinisches Review:

Stand der medizinischen Information:


ICD-Code:

  • F60.8

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