Wearables im Herz-Check

Nahaufnahme einer menschlichen Hand, an der eine Smartwatch angebracht ist
Wie zuverlässig sind die gemessenen Daten von Smartwatch, Fitnesstracker & Co.?
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Schritte, Schlafphasen, Herzfrequenz, Blutdruck – all diese Dinge können mit sogenannten Wearables wie Smartwatch oder Fitnesstracker, ganz einfach im Alltag erfasst werden. Mithilfe der kleinen Computersysteme, die direkt am Körper getragen werden, ist es den Nutzer:innen möglich, Informationen über ihren Gesundheitsstatus zu erhalten. Gerade im Bereich der Herzgesundheit zeigt sich damit hinsichtlich Prävention und Rehabilitation enormes Potenzial.

Medizinische Expertise

Sebastian Reinstadler

Assoz. Prof. Priv. Doz. Dr. Sebastian Reinstadler, PhD

2. stellvertretender Direktor an der Univ.-Klinik Innere Medizin III (Kardiologie und Angiologie) der Med Uni Innsbruck
Christoph-Probst-Platz, Innrain 52, 6020 Innsbruck
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Doch wie verlässlich sind die gemessenen Daten? Inwiefern können Wearables und Apps zur Unterstützung der Herzgesundheit beitragen? Anlässlich des Welt-Herz-Tages sprachen wir mit Assoz. Prof. Priv. Doz. Dr. Sebastian Reinstadler, PhD. Er ist 2. stellvertretender Direktor an der Universitätsklinik für Kardiologie der Medizinischen Universität Innsbruck und Vorstandsmitglied der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG).

MeinMed-Interview mit Assoz. Prof. Priv. Doz. Dr. Sebastian Reinstadler, PhD

Der Welt-Herz-Tag möchte daran erinnern, wie wichtig Vorsorge ist. Immer mehr Menschen überwachen ihren Puls, Schlaf oder Herzrhythmus selbst. Führt das zu besserer Prävention oder eher zu unnötiger Verunsicherung?

Assoz. Prof. Priv. Doz. Dr. Sebastian Reinstadler, PhD: Prävention rückt zu Recht immer stärker in den Vordergrund. Digitale Technologien wie Smartphones und Wearables können heute wichtige Gesundheitsparameter wie zum Beispiel den Puls oder die körperliche Aktivität erfassen. Sie können dazu beitragen, bislang unbemerkte Erkrankungen, beispielsweise Herzrhythmusstörungen, früher zu erkennen und Menschen unterstützen Folgeerscheinungen und Komplikationen zu verhindern. 

Entscheidend ist meiner Meinung jedoch, dass diese vielversprechenden Technologien gezielt und strukturiert eingesetzt werden. Eine unkritische Selbstmessung kann zu Fehlalarmen, unnötigen Untersuchungen und Verunsicherung führen. Deshalb muss die rasante technische Entwicklung wissenschaftlich begleitet und sinnvoll in die medizinische Versorgung integriert werden. Die sinnvolle Implementierung dieser Tools in die existierende Versorgungstruktur steht erst am Anfang. Auch die ÖKG unterstützt diese Entwicklung gezielt durch die Förderung wissenschaftlicher und akademisch initiierter Forschungsprojekte.

Was können Wearables überhaupt erkennen und wo liegen die Grenzen digitaler Tools bei der Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Welche Aufgaben übernimmt künftig die Technologie und welche bleiben unersetzbar menschlich?

Reinstadler: Moderne Wearables sind kleine Hochleistungscomputer. Mithilfe optischer Sensoren, Bewegungssensoren und teilweise auch eines einfachen EKGs können sie eine Vielzahl von Herz-Kreislaufparameter erfassen. Am besten etabliert ist derzeit die Messung der Herzfrequenz und die Erkennung möglicher Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern. Manche Geräte können außerdem Hinweise auf eine niedrige Sauerstoffsättigung oder Veränderungen der körperlichen Leistungsfähigkeit liefern. Auch die Blutdruckmessung wird technisch zunehmend weiterentwickelt.

Die Geräte liefern derzeit jedoch meist Hinweise und keine abschließende Diagnose. Messfehler können etwa durch Bewegung, schlechten Hautkontakt oder technische Einschränkungen entstehen. Zudem lässt sich eine einzelne auffällige Messung nie unabhängig von Beschwerden, Vorerkrankungen und weiteren Untersuchungen beurteilen. Die medizinische Einordnung, das persönliche Gespräch und die gemeinsame Entscheidung über weitere Untersuchungen oder Behandlungen bleiben in der Verantwortung der Menschen.

Was sollte man tun, wenn ein Wearable eine auffällige Messung anzeigt? Wann ist ein Arztbesuch sinnvoll und wann besteht kein Grund zur Sorge?

Reinstadler: Wearables sollten zu diagnostischen Zwecken erst nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt werden. Dabei wird vorab festgelegt, welche Werte erhoben werden und welche Maßnahmen bei einem auffälligen Ergebnis notwendig sind. Damit sind diese Fragen vorab geklärt und viele potentielle Unsicherheiten können so vermieden werden.

Wie groß ist das Risiko von Fehldiagnosen durch Wearables und wie lässt sich dieses vermeiden?

Reinstadler: Kein diagnostisches Verfahren ist vollkommen fehlerfrei – das gilt auch für Wearables. Sie können eine Störung anzeigen, obwohl keine Erkrankung vorliegt, oder eine tatsächlich vorhandene Erkrankung übersehen. Gerade bei Menschen mit einer sehr niedrigen Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Erkrankung können verhältnismäßig viele Warnmeldungen Fehlalarme sein.

Das Risiko lässt sich reduzieren, wenn geprüfte Geräte gezielt eingesetzt, Messungen korrekt durchgeführt und auffällige Ergebnisse medizinisch bestätigt werden. Eine Meldung des Wearables sollte daher nicht mit einer gesicherten Diagnose gleichgesetzt werden. Als Grundsatz gilt: Diagnostik ist vor allem dann sinnvoll, wenn vorher klar ist, welche Konsequenz ein auffälliger Befund haben soll.

Welche Rolle spielt Datenschutz bei der Nutzung digitaler Tools zur Gesundheitsprävention? 

Reinstadler: Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten persönlichen Informationen. Deshalb müssen für digitale Anwendungen dieselben hohen Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit gelten wie in allen anderen Bereichen der Medizin. 

Vorsicht ist bei frei verfügbaren Apps geboten, deren Geschäftsmodell oder Umgang mit Gesundheitsdaten nicht transparent ist. Datenschutz darf dabei nicht als Hindernis verstanden werden, sondern als Voraussetzung für Vertrauen in digitale Medizin.

Verändert sich die Arzt-Patienten-Beziehung, wenn Patient:innen ihre Herzdaten rund um die Uhr selbst erfassen können?

Reinstadler: Ich sehe darin keine grundlegende Ablösung der klassischen Arzt-Patienten-Beziehung, sondern vor allem die Chance, sie sinnvoll zu ergänzen. Strukturiert erhobene Daten können ein ärztliches Gespräch effizienter und fundierter machen, weil Entwicklungen über einen längeren Zeitraum sichtbar werden und nicht nur eine Momentaufnahme in der Ordination vorliegt.

Ein gutes Beispiel ist ein bereits vor dem Termin geführtes Blutdruckprotokoll. Es kann eine raschere Beurteilung und gegebenenfalls einen früheren Therapiebeginn ermöglichen, anstatt zunächst eine Messung anzuordnen und die Entscheidung auf einen weiteren Termin zu verschieben. Gleichzeitig müssen die Daten sinnvoll gefiltert und verständlich aufbereitet werden, damit nicht eine unüberschaubare Informationsmenge entsteht. Richtig eingesetzt können digitale Technologien Patient:innen stärker einbinden. Klar ist aber auch, dass die ärztliche Erfahrung, das persönliche Gespräch und die gemeinsame Entscheidung nicht dadurch ersetzt wird.


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