Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit)

Mann drückt seine Hände gegen die Schläfen, weil er sich in Großstadt-Umgebung überfordert fühlt
Aufenthalte an öffentlichen Plätzen, Feiern oder Treffen in der Gruppe werden von Betroffenen oft vermieden.
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Bei Hyperakusis haben Betroffene eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen des Alltags. Es handelt sich dabei um eine Übersensibilität des Gehörs. Betroffene reagieren auf sämtliche Geräusche der Umgebung wie Straßenlärm, Vogelgezwitscher oder Stimmengewirr u.a. mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder Schweißausbrüchen.

Medizinische Expertise

Sarah Marvis Vasicek

Dr. Sarah Marvis Vasicek

Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
St. Peter Hauptstraße 47, 8042 Graz
www.hno-vasicek.at
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Inhaltsverzeichnis

Eine krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen kann viele verschiedene Ursachen haben, kann aber auch ein Symptom von chronischem Tinnitus sein. Manchmal empfinden Betroffene Naturklänge wie Blätterrauschen oder Regen oder auch monotone Geräusche wie Ventilatoren oder Springbrunnen als angenehm, hingegen plötzliche, laute Töne wie Verkehrslärm als problematisch. Hyperakusis kann Alltag und Kommunikation beeinträchtigen und in schweren Fällen zu sozialer Isolation führen. In Deutschland sind etwa 500.000 Menschen von Hyperakusis betroffen, für Österreich liegen derzeit keine Zahlen vor.

Zusammenfassung

  • Hyperakusis ist eine Überempfindlichkeit gegenüber Umweltgeräuschen normaler Lautstärke. Es liegt ein hoher Reizpegel vor.
  • Häufig führt Hyperakusis zu sozialer Isolation. Aufenthalte an öffentlichen Plätzen, Feiern oder Treffen in der Gruppe werden weitgehend vermieden. 
  • Die Ursachen für Hyperakusis sind sehr vielfältig.
  • Die Geräusche werden als äußerst unangenehm bis schmerzhaft empfunden. Betroffene reagieren in der Regel mit körperlichen Symptomen.
  • Hyperakusis sollte unbedingt behandelt werden. Selbsthilfegruppen und gezielte Trainings können helfen, mit der Erkrankung umzugehen. 

Hyperakusis im Überblick

Art Pathologische Geräuschüberempfindlichkeit
Ursache Verschiedene Auslöser
Symptome u.a. Herzrasen, Ohren- und Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Verspannungen
Diagnose u.a. Bestimmung der Unbehaglichkeitsschwelle
Behandlung Individuelle Therapie je nach Ursache, u.a. Noiser, Sensibilisierung, Psychotherapie

FAQ (Häufige Fragen)

Was ist Hyperakusis?

Hyperakusis ist eine pathologische Überempfindlichkeit gegenüber Schall und Geräuschen normaler Lautstärke. Betroffene nehmen alltägliche Geräusche als unangenehm wahr und reagieren in der Regel auch mit körperlichen Beschwerden.

Was löst Hyperakusis aus?

Es gibt viele verschiedene mögliche Auslöser einer Hyperakusis, wie z.B. Störung oder Erkrankung des auditiven Systems (beispielsweise Tinnitus), Störung der Gehörschutzmechanismen des Innenohrs, Hörschäden, Hörverlust, Neurologische Erkrankungen, Psychische Belastungen, Nebenwirkung von Medikamenten, etc.

Was kann man gegen Hyperakusis tun?

Welche Therapie geeignet ist, hängt von der jeweiligen Ursache ab und wird individuell abgestimmt. Sollte die eigentliche Ursache nicht behandelbar sein, gibt es Maßnahmen, die das alltägliche Leben erleichtern und Möglichkeiten zu lernen, mit der Erkrankung umzugehen.

Hyperakusis ist der medizinische Fachausdruck für eine pathologische (krankhafte) Überempfindlichkeit gegenüber Schall und Geräuschen normaler Lautstärke (70 bis 80 Dezibel). 

Der Begriff Hyperakusis leitet sich aus dem Griechischen ab: hyper = über; akuo = hören.

Dabei nehmen Betroffene alltägliche Geräusche als unangenehm wahr und reagieren in der Regel auch mit körperlichen Beschwerden. 

Abzugrenzen ist Hyperakusis von verwandten Formen wie

  • Phonophobie: Geräuschüberempfindlichkeit bei bestimmten Geräuschen
  • Misophonie: Abneigung von spezifischen Geräuschen, wie z.B. Fingerknacksen
  • Recruitment: Überproportional starker Zuwachs der Lautstärkeempfindung bestimmter Frequenzen aufgrund von Erkrankungen des Innenohrs, z.B. bei Schwerhörigkeit

Es gibt viele verschiedene mögliche Ursachen für die Überempfindlichkeit von Geräuschen. Außerdem spielen verschiedenen Faktoren eine Rolle. 

Zu den möglichen Auslösern einer Hyperakusis zählen u.a.

  • Störung oder Erkrankung des auditiven Systems, z.B. Otosklerose, Tinnitus, Schwindel
  • Störung der Gehörschutzmechanismen des Innenohrs, z.B. der äußeren Haarzellen
  • Lärmexposition
  • Hörschäden, Hörverlust, gestörte Hörverarbeitung
  • Auslöser durch bestimmte Erkrankungen, wie Borreliose
  • Vorzeichen einer Migräne
  • Neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Epilepsie
  • Schädigung oder Ausfall des Gesichtsnervs (Nervus facialis)
  • Psychische Belastungen wie Angststörung, Depression
  • Nebenwirkungen von Medikamenten wie u.a. Acetylsalicylate, Aminoglycoside, Diuretika

Etwa 40% der Menschen, die an Tinnitus leiden, sind auch von Hyperakusis betroffen. Bei Tinnitus zählt Hyperakusis zu den verstärkenden Faktoren.

Betroffene Menschen nehmen die Überempfindlichkeit als sehr unangenehm bis schmerzhaft wahr. 
Dabei können u.a. folgende Beschwerden und Stressreaktionen auftreten: 

  • Herzrasen
  • Schweißausbruch
  • Mundtrockenheit
  • Zu- oder Abnahme des Blutdrucks
  • Schmerzen im Ohr- oder Kopfbereich
  • Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich
  • Die Hyperakusis kann auf einem Ohr oder auch beidseitig auftreten. 

Folgen einer Hyperakusis können u.a. sein

  • Schlafprobleme
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Depression
  • Angstzustände
  • Versagensängste
  • Sozialer Rückzug

Ansprechpartner bei Hörproblemen und Überempfindlichkeit ist die Ärzt:in für Allgemeinmedizin (Hausärzt:in) oder die Fachärzt:in für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen (HNO). Auch kann es sinnvoll sein, eine Fachärzt:in für Neurologie oder Psychotherapeut:in zu konsultieren.

Nach einer sorgfältigen Anamnese (Ärzt:in-Patient:in-Gespräch) wird die HNO-Ärzt:in unterschiedliche Untersuchungen durchführen, um den Ursachen auf den Grund zu gehen und gegebenenfalls auch Grunderkrankungen wie z.B. Tinnitus auszuschließen. Dazu zählen z.B. Untersuchung des Ohres mittels Ohrmikroskopie oder ein Hörtest.

Um eine Hyperakusis zu diagnostizieren, wird eine Unbehaglichkeitsschwellenbestimmung durchgeführt, eine tonaudiometrische Messung, um eine deutlich erniedrigte Unbehaglichkeitsschwelle (UBS) festlegen zu können. Als Richtwert gilt, welche Töne als unangenehm empfunden werden. In der Regel werden bereits Testtöne ab 50 bis 80 Dezibel als zu laut erachtet.

Die HNO-Ärzt:in wird unterschiedliche Untersuchungen (z.B. Ohrmikroskopie oder Hörtest) durchführen, um den Ursachen auf den Grund zu gehen und gegebenenfalls auch Grunderkrankungen auszuschließen.

Dr. Sarah Marvis Vasicek, Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde

Welche Therapie geeignet ist, hängt von der jeweiligen Ursache ab und wird individuell abgestimmt. Sollte die eigentliche Ursache nicht behandelbar sein, gibt es Maßnahmen, die das alltägliche Leben erleichtern und Möglichkeiten zu lernen, mit der Erkrankung umzugehen.

Noiser: Rauschgeräte, die hinter das Ohr geklemmt werden, erzeugen leises Hintergrundrauschen bzw. Nebengeräusche, wodurch andere Geräusche nicht mehr als störend empfunden werden.
Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): Im Rahmen einer Verhaltenstherapie, die bei Tinnitus angewendet wird, können sich auch Symptome der Hyperakusis verbessern.
Sensibilisierung statt Vermeidungsverhalten:

Intuitiv halten sich Betroffene die Ohren zu, benutzen Ohrstöpsel oder versuchen, den Situationen aus dem Weg zu gehen. Dadurch kann sich die Überempfindlichkeit allerdings verschlimmern. Generell sollten alltägliche Geräusche nicht vermieden werden – besser ist es, zu lernen, diese auszublenden und sich daran zu gewöhnen.

Hinweis: Mit übermäßiger Lautstärke wie z.B. Baulärm, bei Konzerten oder Clubbings sollten allerdings auch gesunde Ohren nicht dauerhaft konfrontiert werden, eventuell kann auch ein Gehörschutz sinnvoll sein.

Psychotherapie: Liegt der Hyperakusis eine psychische Erkrankung zugrunde, ist eine Psychotherapie sinnvoll. Auch sind begleitend psychotherapeutische Maßnahmen ratsam.
Selbsthilfegruppen: Gute Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und gemeinsam Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Anlaufstelle für Selbsthilfegruppen bei Hyperakusis in Österreich: Österreichische Tinnitus Liga.

Begleitende Maßnahmen können u.a. sein

  • Musiktherapie
  • Stressmanagement, Erlernen von Entspannungstechniken 
  • Wahrnehmungsumlenkungstraining

Es ist jedenfalls hilfreich, sich rechtzeitig professionelle Unterstützung zu holen. Die Bewältigung des Alltags kann mit der Zeit immer schwieriger werden. Oft haben Betroffene Schwierigkeiten, soziale Kontakte zu pflegen oder ihren Beruf auszuüben und trauen sich mitunter gar nicht mehr aus der Wohnung.

Je früher mit der Therapie gestartet wird, desto besser sind die Erfolgschancen, daher sollte eine Behandlung nicht aufgeschoben und professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.  

Achtung: Bei plötzlich auftretenden Hörstörungen sollte umgehend eine Ärzt:in aufgesucht werden.


Autor:innen:

Redaktionelle Bearbeitung:

  • Nathalie Lackner (Online-Redakteurin für medizinische Themen, RegionalMedien Gesundheit)

Medizinisches Review:

Stand der medizinischen Information:


ICD-Code:

  • H93.2

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